Umweltschützer, Biobauern und Grüne engagieren sich derzeit sehr stark in Sachen Pflanzenschutz. Während sie gegen Glyphosat auf die Straße gehen und die EU-Kommission für ihre Entscheidung, die Zulassung von Glyphosat zu verlängern, heftig kritisieren, fordern sie von derselben Kommission die Zulassung von Kaliumphosphonat als Mittel gegen Pilzerkrankungen im Ökolandbau. Grüne Ministerinnen genehmigten in diesem Sommer sogar Großversuche mit diesem Fungizid. Bemerkenswert daran ist: Beide Substanzen gehören zu den Phosphonaten; beide kommen in der Natur nicht vor, und beide stammen aus den Syntheselabors der Chemieindustrie.

Phosphonate sind Salze und organische Verbindungen der Phosphonsäure. Nur wenige kommen in der Natur bei Pflanzen und Tieren vor, die meisten sind Produkte der Chemieindustrie. Von diesen künstlich hergestellten Phosphonaten spielen zwei in der Landwirtschaft eine wichtige Rolle: das Glyphosat, chemisch ein Aminosphophon-Analog der natürlich vorkommenden Aminosäure Glycin (daher der Name: Glycin Phosphonat) und das Kalium Phosphonat , das aber nicht als Kalphosat, sondern als Kaliumphosphonat bezeichnet wird und bei dem statt des Glycins Kalium am Phosphonsäurerest sitzt.

Die Wirkung von Glyphosat ist ziemlich ausführlich beschrieben und gut bekannt. Glyphosat blockiert ein pflanzliches Enzym, das an der Entstehung der für die Pflanze lebenswichtigen Aminosäuren Phenylalanin, Tryptophan und Tyrosin über den so genannten Shikimatweg beteiligt ist. Fehlen diese Aminosäuren, stirbt die Pflanze. Daher eignet sich Glyphosat dazu, Ackerflächen für die Aussaat von Kulturpflanzen vorzubereiten, ohne das dort gewachsene Unkraut unterpflügen und dabei das Ökosystem des Bodens durcheinander bringen zu müssen. Bei Mensch und Tier kommt das Pflanzenenzym nicht vor; Glyphosat entspricht daher in etwa den Antibiotika, die überlebenswichtige Stoffwechselwege von Bakterien, z. B. die Zellwandsynthese blockieren und dadurch die Krankheitserreger zuverlässig abtöten. Wie beim Glyphosat bleiben Mensch und Tier, die keine Zellwand und die daran beteiligten Enzyme besitzen, unbehelligt.

„Kalphosat“

Die Wirkungsweise des Kaliumphosphonats ist wesentlich weniger gut untersucht. Seine Wirksamkeit gegen Pilzinfektionen wurde 1977 von Chemikern in den Labors des Agrochemiekonzerns Rhȏne-Poulenc Agrochimie (heute Teil von Bayer Crop Science) entdeckt. Das Unternehmen war auf der Suche nach neuen, systemisch wirkenden Fungiziden.

Da einfache Phosphonatverbindungen wie das Kaliumphosphonat in der Chemieindustrie schon lange bekannt waren, führten die Rhȏne-Poulenc-Chemiker zusätzlich eine Alkylgruppe ein, um Patentschutz erreichen zu können. Am wirksamsten erwies sich das Aluminiumsalz der Alkylphosphonsäure, das unter dem Handelsnamen Fosetyl-Al („Aliette“) bis heute als Pflanzenschutzmittel für die Landwirtschaft zugelassen ist. Biobauern können es nicht verwenden. Grund sind die Zulassungsvoraussetzung für Pflanzenschutzmittel im Ökolandbau, die sich die Verfechter der angeblich einzigen „biologischen“ Landwirtschaft selbst gegeben haben und die Einzug in die europäische Gesetzgebung gefunden haben: Es dürfen nur Substanzen verwendet werden, die „pflanzlichen, tierischen, mikrobiellen oder mineralischen Ursprungs“ sind. Alkylphosphonsäure stammt aus der Chemiefabrik und kommt in der Natur ebensowenig vor wie Phosphonsäure und ihre Salze.

Später stellte sich heraus, dass die Alkylgruppe in Pflanzen sehr schnell abgespalten und abgebaut wird und das wirksame Bestandteil dieses Fungizids das Phosphonat-Anion ist. Dieses Molekül – der eigentliche Wirkstoff des Fosetyl-Al – hielt dann doch noch Einzug in die Ökolandwirtschaft, und zwar als so genanntes Pflanzenstärkungsmittel.

Ein Fungizid wird eingeschmuggelt

„Pflanzenstärkungsmittel“ sind im Ökolandbau besonders zahlreich. Ökobauern können auf mehr als 200 dieser Präparate zurückgreifen, die sie auf ihre Pflanzen aufbringen dürfen – von homöopathischen Mitteln über Pflanzenextrakte bis zu mineralischen Verbindungen ist alles dabei. Sie unterliegen keinen strengen Kontrollen. Für sie gibt es kein Zulassungsverfahren mit den für Pflanzenschutzmittel üblichen toxikologischen und Umweltprüfungen. Es gibt auch keine Rückstandsprüfungen. Wer ein neues Mittel in Verkehr bringen möchte, muss dies lediglich anmelden, die Rezeptur offenlegen und schriftlich erklären: „Hiermit versichere ich, dass das Produkt bei bestimmungsgemäßer und sachgerechter Anwendung oder als Folge einer solchen Anwendung keine schädlichen Auswirkungen hat auf die Gesundheit von Mensch und Tier, das Grundwasser sowie keine sonstigen nichtvertretbaren Auswirkungen, insbesondere auf den Naturhaushalt. Es entspricht damit den Anforderungen des § 45 Absatz 1 PflSchG.“

Pflanzenstärkungsmittel sind wegen der kaum vorhandenen Regulierung und des großen Bedarfs der Biolandwirtschaft eine wachsende Branche. Brancheninsider beziffern das jährliche Marktpotenzial auf ca. 1 Mrd. € (Stand: 2015) und berichten von jährlichen Wachstumsraten in Höhe von ca. 12,5%.

So begann in den 1980er Jahren auch die Karriere des Kaliumphosphonats im Ökolandbau. Es wurde als „Mineralsalz“ Algenextrakten beigemischt (z. B. „Frutogard“, „Profence“ usw.). Die Präparate mit der „Urkraft der Meeresalgen“ waren bei Biobauern äußerst beliebt, denn sie hatten das gleiche Wirkprinzip wie das Fosetyl – sie machten Schädlingen wie dem falschen Mehltau und anderen Schadpilzen zuverlässig den Garaus. So ging das bis 2013. Da war die EU-Kommission der Sache auf den Grund gegangen und hatte klargestellt, dass Phosphonat ein Fungizid und damit ein Pflanzenschutzmittel und kein Pflanzenstärkungsmittel ist. Folglich galten für das Kaliumphosphonat ebenso wie die Algenpräparate die gleichen Regeln wie für Fosetyl und andere Fungizide. Warum auch sollte der Wirkstoff Phosphonat, den Biobauern im Fosetyl als unnatürlich ablehnen (synthetische Pestizide bezeichnen sie gern als „Giftbomben aus dem Chemielabor“), in anderer Verpackung plötzlich natürlich und konform mit den Regeln der Ökolandwirtschaft sein? 2013 musste das Kaliumphosphonat aus den Algenpräparaten entfernt werden und darf seither im Biolandbau auch nicht mehr in reiner Form ausgebracht werden.

WiE wirkt Kaliumphosphonat?

Über die Wirkungsweise des anionischen Phosphonats, das von Fosetly bzw. Kaliumphosphonat als Wirkstoff freigesetzt wird, ist wesentlich weniger bekannt als über die des Glyphosats. Die bis heute ausführlichsten Arbeiten stammen von dem australischen Pflanzenphysiologen David Guest und wurden 1990 und 1991 veröffentlicht, sind also ein Vierteljahrhundert alt. Fest steht, dass das Fungizid nach Besprühen (manchen Pflanzen wie Avocado oder Obstbäume erhalten es auch über Injektionen) von der Pflanze recht schnell aufgenommen wird und sich über beide Transportwege bis in die Wurzelspitzen verteilt. Seine direkte Wirkung auf Pilze ist relativ schwach; wirksam ist es vor allem wegen der Veränderungen, die es in der Pflanze auslöst. Dort aktiviert es zahlreiche Stressreaktionen: der Pentosephosphat-Stoffwechsel und die Phenylpropanoidsynthese werden stimuliert, Lignin, das Pflanzenhormon Ethylen, pflanzliche Antibiotika (Phytoalexine) und zahlreiche phenolische Stoffe gebildet. Sie erhöhen die Alarmbereitschaft der Pflanze, töten die Erreger ab und kurbeln den Stoffwechsel an.

Die gleichen Stimulationsmechanismen löst auch das Fosetyl Al aus; insofern handelt es sich auch bei diesem Präparat um eine Pflanzen“stärkungs“mittel.

Zu welchen Veränderungen von Gen- und Enzymaktivtäten sowie Stoffwechselwegen es dabei kommt, welche Stoffe die Pflanzen dabei bildet und ob diese neu gebildeten Stoffe eine Wirkung auf Insekten oder den Menschen haben, ist jedoch nicht bekannt. Phosphonat wird von der Pflanze nicht abgebaut und findet sich als Rückstand in den Produkten sowie im Boden und in Gewässern, wo es von einigen Mikroorganismen zerlegt wird.

Solange nicht zweifelsfrei erwiesen ist…

Wie bereits eingangs erwähnt, stammen sowohl Glyphosat als auch Fosetyl-Al und Kaliumphosphonat aus der Chemiefabrik. Sie kommen in der Natur nicht vor, sie greifen tief in den Stoffwechseln von Pflanzen ein und sie werden von den Pflanzen nicht abgebaut, so dass Rückstände in die Umwelt und in die Nahrung geraten können. Für alle genannten Phosphonate gilt allerdings auch, dass ihre Giftigkeit für Mensch und Tier sehr gering ist. Was nicht für alle gilt: die Sympathie von Umweltschützern. Beim wesentlich besser untersuchten Glyphosat (oder sollte man sagen „Glycinphosphonat“?) wurde 2015 unter dubiosen Umständen der Verdacht geäußert, es könne bei Menschen, die beruflichen Umgang mit Glyphosat haben, ein leicht erhöhtes Risiko für gewisse Formen von Blutkrebs geben. Inzwischen sind renommierte Institutionen wie die WHO/FAO und die US-Umweltbehörde EPA auf breiterer Informationsbasis zu anderen Auffassungen gekommen. Dennoch werden Aktivisten nicht müde, nach dem Totalverbot von Glyphosat zu rufen („Krebs!!“, „Vorsorgeprinzip!“, „Lebensgefahr!“). Der grüne Bundestagsabgeordnete Harald Ebner verstieg sich gar zu der Bezeichnung „Merkelgift“. Beim wesentlich schlechter untersuchten Kaliumphosphonat („Kalphosat“) hingegen ermutigten die grünen Umwelt-. und Agraministerinnen Priska Hinz und Ulrike Höfken Ökobauern in Hessen und Rheinland-Pfalz 2016 sogar zur Nutzung des Fungizids zur Rettung ihrer Ernte und richteten dazu „Großversuche“ mit Ausnahmegenehmigungen ein (wobei allerdings nicht klar ist, ob die EU diese nachträglich genehmigt). Auch andere grüne Politiker, Umweltschützer und Ökolandbauverbände fordern die Wiederzulassung des „Hinz“- bzw. „Höfken“-Gifts – schließlich soll der Ökolandbau sein einzig wirksames systemisch wirkendes Pestizid nicht verlieren.

Der Natürlichkeitswahn

Diese Zwei-Klassen-Chemie zeigt einmal mehr, dass Ökolandbau und seine Lobby mit absurden Vorstellungen von Natur, Chemie und Biologie operieren und Konsumenten eine Welt vortäuscht, die es nicht gibt. Die Natürlichkeitsdefinition greift im Fall von Phosphonat nicht – das Mittel kommt in dieser Form weder in Lebewesen noch in Mineralien vor und alle Versuche, ihm einen „naturhaften Charakter“ anzudichten, würde auch die chemisch eng verwandten Phosphonate Glyphosat und Fosetyl-Al für die Verwendung im Ökolandbau adeln (s. dazu Blogbeitrag „Plötzlich Bio“).

Es sei daran erinnert, dass die Natürlichkeitsdefinition auch im Fall der Gentechnik versagt. Nach dem Gesetz sind GVOs „biologische Einheiten …, deren genetisches Material so verändert wurde, wie es auf natürliche Weise durch Kreuzen und/oder natürliche Rekombination nicht möglich wäre.“ 2015 fanden Wissenschaftler heraus, dass vor ca. 8.000 Jahren eine natürliche Rekombination zwischen einer Wildform der Süßkartoffel und dem auch in der Gentechnik verwendeten Bakterium Agrobacterium tumefaciens stattgefunden hat – heraus kam auf natürliche Weise die Urahnin der heute etwa 4.700 angebauten Süßkartoffelvarianten. Damit führt ein Gentransfer mit Agrobacterium juristisch nicht mehr zu einem gentechnisch veränderten Organismus, denn er verändert genetisches Material in keiner Weise anders, als es auf natürliche Weise möglich ist. Pflanzen, die mit A. tumefaciens verändert sind, sind demgemäß keine Gentechnik und die Technologie kann unreguliert angewendet werden, da bewiesen ist, dass dieser Vorgang auch in der Natur vorkommt. Es hat sich nur noch niemand gefunden, der diese Lücke nutzt.

Die Süßkartoffel hat das europäische Gentechnikrecht ad absurdum geführt; der Umgang mit dem Kaliumphosphonat demontiert gerade die Ökoverordnungen der EU. Die Forderung der grünen Lobby, ein systemisch wirkendes, persistierendes, synthetisches Pestizid über den Umweg als Pflanzenstärkungsmittel wieder in den Ökolandbau einzuführen, ist zudem die Bankrotterklärung dieser Produktionsweise. Sie belegt, dass die Ökobauern mit ihren Kupferbrühen, homöopathischen Wässerchen, vergrabenen Kuhhörnern und Fruchtfolgen hartnäckigen Schädlingen eben nicht beikommen und die vermeintliche Alternative keine ist. Es wird Zeit für Vernunft in der Debatte.

Zum Schluss noch eine Frage an die Leser: „Es ist weniger giftig als Kochsalz!“

Wer hat’s gesagt und welches Phosphonat war gemeint?