Am 1.10.2016 strahlte der von ARD und ZDF gemeinsam betriebene Kinderkanal den Beitrag „Zukunftsmacher Ludwig“ aus, in dem ein etwa 14jähriger Junge sein Publikum vor „genmanipulierten Pflanzen“ warnte. Der kurze Beitrag enthielt keine einzige wahre Aussage, sondern gab in konzentrierter Form die Angstpropaganda von „Greenpeace e.V.“ und „Umweltinstitut München e. V.“ wieder, zwei Vereinen, die den Kampf gegen die grüne Gentechnik in ihren Satzungen als Vereinszweck ausgeben. Der Beitrag war intransparent, es fehlte vollständig die Erwähnung von Interessenkonflikten und eine Gegenrecherche der Fakten fand offenbar nicht statt. Dargestellt wurde ausschließlich die Position von organisierten Gentechnikgegnern, ohne dies jedoch deutlich zu machen. Kann man die journalistische Sorgfaltspflicht noch gröber verletzten?

Der durch den Beitrag führende Ludwig (zu seiner Identität s.u.) sagte im einzelnen (alle Zitate kursiv):

„Ich bin für gesunde Lebensbedingungen für Mensch und Tier und deswegen bin ich gegen gentechnisch veränderte Pflanzen, die in unsere Umwelt eingeschleust werden.“

Gentechnisch veränderte Pflanzen sind jedoch nicht ungesund – eine 2013 veröffentlichte Metastudie, die 1.783 Studien zur Sicherheit von gentechnisch veränderten Pflanzen aus den Jahren 2002 bis 2012 analysierte, kam zu dem Schluss: „The scientific research conducted so far has not detected any significant hazards directly connected with the use of GE crops.“

Mehr als 276 wissenschaftliche Einrichtungen und Organisationen aus Afrika, Asien, Australien/Ozeanien, Europa sowie Nord- und Südamerika halten gentechnisch veränderte Pflanzen für sicher und nützlich; hinzu kommen internationale Organisationen wie die WHO, FOA, OECD, das United Nations Development Programme (UNDP) und andere.

Eine 2015 publizierte Langzeitfütterungsstudie an Wachteln ergab keine Anhaltspunkte für gesundheitliche Probleme bei den Tieren: Die Tiere erhielten über 10 Generationen hinweg entweder Gentechnik-Soja (Roundup Ready) und normalen Mais, Gentechnikmais (MON810) und konventionelle Soja oder normales Futter (Soja und Mais).

In den USA werden pro Jahr ca. 9 Milliarden Nutztiere aufgezogen und 90% von ihnen erhalten seit Jahrzehnten Futter aus gentechnisch veränderten Pflanzen. Eine 2014 veröffentlichte Studie von Wissenschaftlerinnen des Department of Animal Science der University of California in Davis untersuchten anhand öffentlich zugänglicher Daten für die Jahre 1983 bis 2011, ob es in diesem Zeitraum irgendwelche auffälligen Trends bei der Gesundheit von Nutztieren gegeben hat. Denn stimmten die Warnungen und Behauptungen der Kritiker von Gentechnik in der Pflanzenzucht, müsste ab 1996, dem Jahr der Einführung der „Genpflanzen“, Auffälliges zu beobachten sein: geschwächte, kranke Tiere. Die Datensätze der Studie sind immens: Zwischen 2000 und 2011 haben allein in den USA über 100 Milliarden Nutztiere „Genfutter“ gefressen. Sie alle wurden landauf, landab vor der Schlachtung von Veterinären untersucht – so, wie es vom Gesetz vorgeschrieben ist. Die Untersuchungsergebnisse sind ebenso wie die Daten zur Milchleistung öffentlich zugänglich. Die Zahlen könnten eindeutiger nicht sein: Der Milchertrag der Kühe und das Schlachtgewicht von Schweinen, Rindern und Geflügel haben im gesamten Zeitraum stetig zugenommen, die Zahl kranker Tiere und bestimmter Krankheitszeichen (z. B. Zellzahl in der Milch) stetig abgenommen. Es gibt nach 1996 nicht die kleinste Auffälligkeit in den Kurven. Es gibt auch keinerlei Unterschiede im Nährwertprofil der Nahrung, die aus diesen Tieren hergestellt wurde.

Die US-Akademie der Wissenschaften kam 2016 zu dem Schluss: „The committee carefully searched all available research studies for persuasive evidence of adverse health effects directly attributable to consumption of foods derived from GE crops but found none. Studies with animals and research on the chemical composition of GE foods currently on the market reveal no differences that would implicate a higher risk to human health and safety than from eating their non-GE counterparts.“ Grundlage des Berichts waren 900 Publikationen über Gentechnik-Pflanzen, drei öffentliche Anhörungen mit insgesamt 80 Redebeiträgen sowie 700 bei der Akademie eingegangene Kommentare durch die Öffentlichkeit.

Last not least: Im Frühjahr 2016 wandten sich 110 Nobelpreisträger an die Vereinten Nationen, an Regierungen auf der ganzen Welt und an Greenpeace. In einem gemeinsamen Appell plädierten sie für den Einsatz Grüner Gentechnik. Sie schreiben: „Es hat bis heute keinen einzigen bestätigten Fall eines Gesundheitsschadens bei Menschen oder Tieren gegeben, die Produkte konsumiert haben, die aus gentechnisch veränderten Pflanzen hergestellt wurden.“

„Pflanzen werden gentechnisch verändert, damit sie zum Beispiel schneller wachsen.“

Falsch. Auf dem Weltmarkt sind derzeit vor allem solche Pflanzen erhältlich, die gegen bestimmte Pestizide resistent sind oder die ein Eiweiß produzieren, das Biobauern sonst auf ihre Pflanzen sprühen (Bt-Protein). Produzieren die Pflanzen das Eiweiß selbst, tötet es nur fressende Insekten, sprühen die Biobauern die Bt-produzierenden Bakterien auf ihre Pflanzen, schadet das Protein auch Nützlingen.

„Dadurch sind sie aber anfälliger für Krankheiten und Fressfeinde. Deshalb müssen dann mehr giftige Pestizide eingesetzt werden.“

Wieder falsch. Gentechnisch erzeugte Pflanzensorten sind im Gegenteil weniger anfällig für Krankheiten und Fressfeinde – z. T., weil sie (s.o.) Bt-Proteine produzieren, das den Darm von Schadinsekten zerstört. Den Rückgang der eingesetzten Pestizidmenge (kg/Ha) beim Anbau von gentechnisch verändertem Mais in den USA zeigt die beigefügte Grafik.

Global betrachtet, hat die Einführung der so genannten Bt-Pflanzen einer 2012 publizierten Studie zufolge zu einem Rückgang des Einsatzes von synthetischen Insektiziden um 24% geführt.

Im Übrigen nutzt auch der Biolandbau Pestizide. Fast alle diese Mittel sind ökologisch und gesundheitlich bedenklich. Um nur die weltweit gängigsten zu nennen: Spinosad und Pyrethrum töten nicht nur Bienen, sondern die im Pyrethrum-Extrakt enthaltenen Gifte sind hormonell wirksam, neurotoxisch und krebserregend, Rotenon steht in Verdacht, Parkinson zu verursachen, Azadirachtin ist bienengiftig und Kupfer vergiftet Böden und Gewässer und tötet dort Kleinstlebewesen ab (einschließlich Regenwürmer). Zudem akkumuliert Kupfer in Böden. Gentechnisch veränderte Pflanzen könnten auch dem Biolandbau helfen, auf derart gefährliche Mittel zu verzichten, und es gibt mittlerweile auch Verfechter des Biolandbaus, die neuere Methoden der Gentechnik befürworten, um den Einsatz von giftigen Pestiziden im Ökolandbau zu reduzieren.

„Wenn die Kühe die Pflanzen fressen, nehmen auch wir mehr Pestizide auf, indem wir ihr Fleisch essen und die Milch trinken.“

Für diese Behauptung gibt es keinerlei Belege. Sie widerspricht den amtlichen Ergebnissen der Staatlichen Lebensmittelüberwachung – s. den Bericht „Nationale Berichterstattung „Pflanzenschutzmittelrückstände in Lebensmitteln“ – Zusammenfassung der Ergebnisse des Jahres 2014 aus der Bundesrepublik Deutschland, herausgegeben vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit. Die am meisten beanstandeten Lebensmittel tierischen Ursprungs betrafen Milch, die mit Giftstoffen belastet war, das nicht aus Pflanzenschutzmitteln stammte sowie Fleisch, das mit Quecksilber belastet war.

„Und dabei ist noch nicht mal sicher, welche Auswirkungen das genmanipulierte Futter auf die Tiere damit auch auf uns hat.“

Diese Behauptung ist angesichts von tausenden Studien, die diese Auswirkungen im Detail untersucht haben (s.o.) und zu dem Ergebnis gekommen sind, dass es die befürchteten negativen Auswirkungen nicht gibt, völlig substanzlos. Natürlich kann man nie behaupten, dass eine Technologie vollkommen risikolos ist. Würde man jedoch in allen Fällen das Vorsorgeprinzip anwenden und die entsprechende Technologie verbieten, müssten wir auf Mobiltelefone, WLAN, Fernsehen und Rundfunk verzichten, weil bis heute nicht auszuschließen ist, dass elektromagnetische Wellen Zellschäden, Hirnfunktionsstörungen oder Krebs verursachen.

„Noch gibt es in Deutschland strenge Auflagen für genmanipulierte Produkte, doch es ist ein Handelsabkommen in Planung, mit Amerika, namens TTIP, das diese Auflagen kippen wird.“

Diese Behauptung wird von TTIP-Gegner gern vorgebracht, es handelt sich aber lediglich um eine Befürchtung, die von „Zukunftsmacher Ludwig“ bereits als Faktum ausgegeben wird. Genauso gut könnte behauptet werden, dass die europäischen Standards und das hier geltende Vorsorgeprinzip dann von der EU in den USA durchgesetzt wird. Im übrigen, das zeigt nicht zuletzt der VW-Skandal, sind die Verbraucherschutzvorschriften in den USA deutlich höher als in der EU und werden konsequenter durchgesetzt.

„Deshalb mache ich mit meinen Freunden Vorträge über die Auswirkungen dieses Handelsabkommens. Die meisten Deutschen möchten keine genmanipulierten Produkte auf ihren Tellern. Deshalb wünschen wir uns, dass keine Entscheidungen über unsere Köpfe hinweg getroffen werden.“

Unterschlagen wird in dem Beitrag, dass es sich bei „Zukunftsmacher Ludwig“ um Ludwig Essig, Fachreferent, Finanzbeauftragter und Gründungsmitglied des GREENTEAM Schwabenpower („Zum Schutz der Welt“) handelt, einer Nachwuchsgruppe von Greenpeace e. V., die – bewehrt mit Materialien des Umweltinstituts München e. V. und der Greenpeace-Zentrale – Vorträge zum Thema TTIP, Grüne Gentechnik usw. hält.

Einseitige Beiträge zur Grünen Gentechnik oder zur Landwirtschaft sind in den öffentlich-rechtlichen Sendern keine Seltenheit. Dieser Beitrag zeichnet sich durch besondere Perfidie aus, denn er indoktriniert Jugendliche auf eine selten einseitige und manipulative Weise. Stellt sich die Frage: Können Redaktionen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht mehr recherchieren oder wollen sie es gar nicht mehr? Geht es im öffentlich-rechtlichen Rundfunk überhaupt noch um Fakten oder lediglich um die Wiedergabe bestimmter weltanschaulicher Positionen?