Als Reaktion auf meinen Blogbeitrag über den Artikel  „Wenn Leserbriefe von Monsanto als Studien gelten“ vom 17.7.2015 in der Süddeutschen (Autorin war die SZ-Wirtschaftsredakteurin Silvia Liebrich) erhielt ich Zuschriften, die kritisierten, mein Beitrag gehe zu hart mit der Autorin bzw. der Süddeutschen ins Gericht. Ich habe mir den Artikel daraufhin noch einmal genauer angesehen, zumal die Resonanz sehr groß war und fast alle Medien das Narrativ des SZ-Artikels ungeprüft übernahmen.

Der SZ-Artikel beginnt mit einer Skandalisierung – der unbedarfte Leser muss (soll?) glauben, dass das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) der Firma Monsanto hörig ist, indem es Leserbriefe von Mitarbeitern dieses Unternehmens sozusagen „at face value“ als Studie wertet und seine Bewertung der (Un)Giftigkeit von Glyphosat wesentlich darauf stützt. Wie die Reaktionen in anderen Medien, bei NGOs und bei Facebook und Twitter zeigen, ist das genau so verstanden worden. Kein Laie kennt den Unterschied zwischen einem Leserbrief an die Süddeutsche und einem „letter to the editor“ in einer wissenschaftlichen Publikation. So beginnt der Artikel von Frau Liebrich:

„Eineinhalb Seiten ist das Schreiben, das der Wissenschaftler Peter Langridge an die Fachzeitschrift Food and Chemical Toxicology geschickt hat. Eineinhalb Seiten, auf denen er Partei ergreift für ein höchst umstrittenes Pflanzenschutzmittel, für Glyphosat, das im Verdacht steht, Krebs zu erzeugen. Eineinhalb Seiten, die das Magazin in der Rubrik „Letters to the Editor“, Briefe an den Chefredakteur, veröffentlicht.

Sieht so eine wissenschaftliche Studie aus? Und darf man einen solchen Leserbrief als Grundlage für eine andere, weitaus umfassendere Studie nehmen, die Glyphosat als völlig unbedenklich bezeichnet?

Ja, meint das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), das dem Bundeslandwirtschaftsministerium unterstellt ist. Seine Aufgabe ist es, die deutsche Regierung in Fragen der Lebensmittelsicherheit und des Verbraucherschutzes zu beraten, dazu gehört es auch, Giftrückstände in der Nahrungsmittelkette zu beurteilen.

Erstens: Der „Letter to the Editor“ von Peter Langridge  ergreift mit keiner Silbe „Partei für ein hochumstrittenes Pflanzenschutzmittel“. Stattdessen kritisiert Langridge ausführlich die Methodik der umstrittenen Séralini-Studie, die schließlich wegen fachlicher Mängel zurückgezogen wurde (und auch inzwischen von der IARC in ihrer Glyphosat-Monographie als nicht auswertbar bezeichnet wurde, wegen eben der u.a. von Langridge kritisierten methodischen Mängel). Darüber habe ich in meinem o.a. Blogbeitrag ausführlich geschrieben und weitere Hintergründe verlinkt. Die Aussage der SZ „Eineinhalb Seiten, auf denen er Partei ergreift für ein höchst umstrittenes Pflanzenschutzmittel, für Glyphosat, das im Verdacht steht, Krebs zu erzeugen.“ ist somit nachweislich falsch.

Zweitens: Die Antwort auf die rhetorische Frage „Sieht so eine wissenschaftliche Studie aus“? muss natürlich „nein“ lauten. Es gibt aber auch niemanden, der oder die das irgendwo behauptet – auch das BfR nicht.

Drittens: Die Frage „Und darf man einen solchen Leserbrief als Grundlage für eine andere, weitaus umfassendere Studie nehmen, die Glyphosat als völlig unbedenklich bezeichnet?“ ist falsch gestellt und – abgesehen davon – erzeugt sie das Bild, diese „Leserbriefe“ seien die Grundlage für die Einschätzung des BfR in Sachen Glyphosat. Ein Blick auf die Webseiten des BfRs zum Thema Glyphosat genügt, um sich vom Gegenteil zu überzeugen.

Frau Liebrich fährt fort:

„Bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass 14 dieser sogenannten Studien keine Studien im klassischen Sinne sind, sondern Leserbriefe wie der von Peter Langridge. Dennoch führt sie das BfR in einer langen Tabelle auf, die den Titel trägt: „Studien, die das BfR zur Bewertung der Kanzerogenität von Glyphosat verwendet hat“. 

Um das herauszufinden, benötigt man keine große Recherche. Aber wenn man die „Letters to the Editor“ auch liest, so findet man, das keiner(!) die Ungefährlichkeit von Glyphosat behauptet, sondern dass alle sich mit den katastrophalen methodischen Mängeln der Studie von Séralini beschäftigen.

„Und wenn man noch tiefer bohrt, dann stellt man fest: Zehn dieser 14 Leserbriefe stammen allesamt entweder direkt von Mitarbeitern des amerikanischen Agrar- und Gentechnik-Konzerns Monsanto oder von Absendern, die dem weiteren Umfeld des Konzerns zugeordnet werden können. Monsanto hielt lange die Patente für glyphosathaltige Mittel wie Roundup und ist noch heute einer der größten Hersteller.“

Hätte die Autorin die Zeitschrift und alle „Letters to the Editor“ gelesen, hätte sie festgestellt, dass einer der inkriminierten „Leserbriefe“ die Séralini-Studie verteidigte und andere, die gegen die Studie gerichtet waren, in der vom BfR vorgelegten Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Grünen gar nicht zitiert wurden: Kriterium der Selektion war offensichtlich das Vorhandensein einer sachlichen Stellungnahmen zu Methodik und anderen Studien-Defiziten (z. B. fehlende Erklärung zu conflict of interest – Séralini hatte „vergessen“, dass seine Arbeit finanziell von der Industrie unterstützt wurden. Das war allerdings nicht Monsanto, sondern es waren z. B. Bio-Supermärkte bzw. von diesen initiierte und finanzierte Lobbygruppen).

Was ist also an der Erwähnung der „Leserbriefe“ falsch? Noch einmal: Alle zitierten „Letters to the Editor“ beziehen sich ausschließlich auf die Séralini-Studie, die dann auch von der Zeitschrift zurückgezogen wurde, die aber dennoch in Anti-Gentechnik- und Pro-Bio-Kreisen nach wie vor als valide zitiert wird – darauf muss eine Behörde wie das BfR eingehen und sie zur Kenntnis nehmen.

Die Autorin behauptet ferner, die „Leserbriefe“ stammten von Autoren, die entweder bei Monsanto beschäftigt seien oder dem weiteren Umfeld des Konzerns zugeordnet werden könnten.

Gehen wir die Liste durch.

Erio Barale-Thomas: Fehlanzeige

Colin Berry: Fehlanzeige

Lúcia de Souza: gehört einer Organisation an, die u.a. Geld von Monsanto erhielt.

Wim Grunewald (Beitrag fälschlich als „Letter to the Editor“ bezeichnet): Fehlanzeige

Bruce Hammond, Daniel A. Goldstein, David Saltmiras: Monsanto (vollständige Anschrift und Position im Konzern ist angegeben)

Jack A. Heinemann: Fehlanzeige – der Beitrag verteidigt die Veröffentlichung der Séralini-Studie

Peter Langridge: Fehlanzeige – jedoch Juror bei Monsantos Beachell-Borlaug International Scholars Programm

Louis Ollivier: Fehlanzeige

Roberto Pilu: Fehlanzeige

Frederic Schorsch: Fehlanzeige

Mark Tester: hat Forschungsprojekte, die von Monsanto co-finanziert wurden, durchgeführt und hat 2000-01 ein sabbatical year bei Monsanto in Cambridge/UK absolviert.

Anthony Trewavas: Fehlanzeige

David Tribe: Fehlanzeige

Robert Wager: Fehlanzeige.

Hinzuzufügen ist: Robert Wagers Beitrag wurde von 23 weiteren Forschern unterschrieben. Darunter sind ganze drei, denen nachgesagt wird, im Lauf ihres Lebens an Institutionen oder Projekten beteiligt gewesen zu sein, die u.a. Geld von Monsanto erhalten haben.

Tatsächlich stammt also nur einer der Beiträge von Monsanto-Mitarbeitern.

Bei Frau Liebrich wird daraus: „Zehn dieser 14 Leserbriefe stammen allesamt entweder direkt von Mitarbeitern des amerikanischen Agrar- und Gentechnik-Konzerns Monsanto oder von Absendern, die dem weiteren Umfeld des Konzerns zugeordnet werden können.“

Woher sie diese Information bezieht, erschließt sich mir nicht. Entweder hat sie exklusive Quellen, über die sie sich allerdings ausschweigt oder sie hat ihre Informationen von einschlägigen Webseiten bezogen, bei denen jede berufliche Tätigkeit in der grünen Gentechnik als Monsanto-Umfeld gezählt wird.

Zum Beitrag von Hammond, Goldstein und Saltmiras schreibt Liebrich:

„Es bleibt nicht der einzige Brief, den Chefredakteur Hayes in jenen Tagen erhält: Das Papier von Seralini habe schwere Defizite, heißt es in einem anderen Schreiben, das drei Seiten umfasst. Unterzeichnet haben den Brief die Wissenschaftler Bruce Hammond, Daniel A. Goldstein und David Saltmiras. Dass sie für Monsanto arbeiten, schreiben sie nicht dazu.“

Das ist nachweislich falsch. Unter dem Beitrag, der sich im Übrigen über 6 Druckseiten mit der Methodik der Séralini-Studie und nicht etwa der Giftigkeit von Glyphosat beschäftigt und der 40 weitere Arbeiten, darunter Studien von Séralini und von Aufsichtsbehörden auf der ganzen Welt zitiert, steht:

„Letter to the editor

  • Bruce Hammond, PhD, DABT, ATS
    • Product Safety Center, Science Fellow and Biotech Toxicology Team Lead, Monsanto Company Zone C1NA, 800 N. Lindbergh Blvd, St. Louis, MO, United States. Tel.: +1 314 694 8482; fax: +1 314 694 5071.
  • Daniel A. Goldstein, MD, FRPCP (Canada), FAAP, FACMT
    • Senior Science Fellow and Lead, Medical Sciences and Outreach, Monsanto Company Zone C3ND, 800 N. Lindbergh Blvd, St. Louis, MO, United States. Tel.: +1 314 694 6469.
  • David Saltmiras, PhD, DABT
    • Manager of Toxicology, Monsanto Company Zone C1NA, 800 N. Lindbergh Blvd, St. Louis, MO, United States. Tel.: +1 314 694 8856; fax: +1 314 694 5071.

Available online 7 November 2012.“

Das lässt sich hier nachlesen.

Zur Auswahl der Interviewpartner durch Frau Liebrich habe ich schon in meinem Beitrag Stellung bezogen. Ob der zitierte IARC-Mitarbeiter Straif wirklich den Hintergrund der kleinen Anfrage der Grünen kannte, muss bezweifelt werden. Auf die simple Frage, ob „Letters to the Editor“ Grundlage für eine Bewertung sein können, hätte vermutlich auch das BfR mit „nein“ geantwortet.

Warum hat das BfR sie dennoch herangezogen? Die Antwort ist einfach – die Anfrage der „Grünen“ war eine Falle. Sie kramte die längst diskreditierte und zurückgezogene Séralini-Studie wieder hervor und betonte, diese sei die einzig existierende „Langzeitfütterungsstudie“.

Für das BfR gab es zwei Möglichkeiten: Hätte es die Studie in seiner Stellungnahme nicht angeführt, hätte es sich angreifbar gemacht und man hätte ihm Unterschlagung wichtiger Erkenntnisse vorwerfen können („BfR unterschlägt für Glyphosat-Bewertung wichtige Studie“). Also hat es die Studie angeführt und ist auf den Winkelzug der Grünen, eine diskreditierte und invalide Studie wieder in die Diskussion einzuführen, eingegangen. Zu den Gepflogenheiten Behörde, die wissenschaftlichen Standards verpflichtet ist, gehört es dann aber auch, die Kontroverse um die Studie abzubilden. Nichts Anderes hat das BfR getan. Es hat dabei nicht alle „Letters“ berücksichtigt, sondern nur diejenigen, die substanzielle fachliche Beiträge enthielten. Jetzt wird ihm daraus ein Strick gedreht.

Zu den übrigen schiefen oder sogar falschen Darstellungen, etwa zur Verwendung von Glyphosat als Sikkationsmittel zur Reifebeschleunigung habe ich bereits in meinem Blogbeitrag Stellung bezogen. Dem habe ich hier nichts hinzuzufügen. Der Artikel von Frau Liebrich ist schlecht recherchiert, enthält nachweislich Unwahrheiten und ist damit nichts anderes als die Wiedergabe grüner Polemiken gegen eine Institution, die nicht die von der Partei gewünschte Position vertritt. Wissenschaft ist aber, im Gegensatz zu manchen Zeitungsartikeln, nun mal kein Wunschkonzert.