Silvia Liebrich, seit 15 Jahren Redakteurin im Wirtschaftsressort der Süddeutschen Zeitung, hat eine Agenda. Auf ihrer privaten Webseite, „Sofies verkehrte Welt“,  beschriebt sie, was sie umtreibt:

„Im Mittelpunkt steht der Blick auf eine Welt, die am Anfang eines großen Umbruchs steht und sich von alten Denkmustern befreien muss. Klimawandel und das Ende des Erdölzeitalters sind Herausforderungen, die mit dem Dogma aufräumen, dass sich mit Wirtschaftswachstum allein alle Probleme lösen lassen. Doch dieses vermeintliche Allheilmittel verkehrt sich nun ins Gegenteil. Die Welt stößt an ihre Wachstumsgrenzen, Rohstoffvorräte sind endlich und gehen zur Neige. Lebensnotwendig Ressourcen wie Böden und Wasserreserven werden rücksichtlos ausgebeutet. Der Nachschub an Nahrung gerät in Gefahr.

Die Menschheit lebt auf Kosten künftiger Generationen. Dieser Lebensstil lässt sich so nicht  aufrecht erhalten. Neue Ansätze für das Zusammenleben und einen umwelt- und ressourcenschonenden Umgang mit den lebenswichtigen Ressourcen sind gefragt.“

Derzeit hat sie sich das Herbizid Glyphosat und den Agrarkonzern Monsanto als Zielscheibe einer publizistischen Kampagne ausgesucht, die im Wirtschaftsteil der Süddeutschen veröffentlicht wird und inzwischen mehrere Artikel umfasst:

25.6. „Ackergift in der Muttermilch

28.6. „Streit um Grenzwerte

16.7. „Mächtige Lobby

16.7. „Gift und Geld

Überflüssig zu erwähnen, dass in den genannten Artikeln weder ein Anwender von Glyphosat noch unabhängige Experten zu Wort kommen. Ausführlich Platz eingeräumt erhalten erklärte Anhänger des Biolandbaus und Gegner von Gentechnik und konventioneller Landwirtschaft, zu allererst die Grünen-Politiker Harald Ebner (MdB und Sprecher von Grüne/B90 für Gentechnik- und Bioökonomiepolitik), Priska Hinz (hessische Umwelt- und Verbraucherschutzministerin) und Bärbel Höhn (MdB, Mitglied im Landesvorstand der Grünen in NRW und Vorsitzende des Ausschusses für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit). Den Experten-Darsteller gibt der Tierarzt Christoph Then, der über die Wirkung von homöopathischen Potenzen auf Zellkulturen forschte  und nach seiner Tätigkeit bei Greenpeace einen Verein gründete, der finanziell von den Stiftungen und Supermarktketten der Öko-Industrie abhängig ist. Er darf über die Schädlichkeit von Glyphosat fabulieren und Monsanto-Bilanzen deuten. Für den toxikologischen Sachverstand wird ausschließlich die emeritierte Oldenburger Hochschullehrerin Irene Witte bemüht, die seit Jahren Bürgerinitiativen Vorträge über die kumulativen bzw. synergistischen Wirkungen von Umweltgiften hält und in der Öko-Landbau-Szene einen hervorragenden Ruf genießt. Zur Muttermilch“studie“ der Grünen hatte Prof. Witte trotz der katastrophalen Methodik  – 16 Proben, eine nicht validierte Nachweismethode und ein Ergebnis, das um Größenordnungen unterhalb der zulässigen Grenzwerte lag (s. Beitrag Vorsicht, Erdbeeren!) – dementsprechend nichts Kritisches beizutragen.

Die Kampagne gipfelte vorerst am 17.7. in einem Artikel mit dem schönen Titel: „Wenn Leserbriefe von Monsanto als Studien gelten„.  In ihm wird behauptet, das Bundesamt für Risikoforschung stütze seine Einschätzung der Unschädlichkeit von Glyphosat auf Leserbriefe von (natürlich) „Mitarbeitern des amerikanischen Agrar- und Gentechnik-Konzerns Monsanto oder von Absendern, die dem weiteren Umfeld des Konzerns zugeordnet werden können.“ Den Beleg der Monsanto-Zuordnung „des weiteren Umfelds“ bleibt die Autorin schuldig.

Sie unterschlägt dafür, dass allein eine dieser insgesamt 14 Stellungnahmen, die unter der Rubrik „Letter to the Editor“ publiziert wurden, von 25 der weltweit renommiertesten Pflanzenforscherinnen und Pflanzenforscher unterzeichnet wurde. Sie unterschlägt ihren Lesern auch, dass diese Zuschriften, die sich kritisch mit der Methodik der Séralini-Studie auseinandersetzten, berechtigt waren. Die Redaktion der Zeitschrift entschloss sich schließlich gerade wegen der zahlreichen detaillierten kritischen Beiträge, die der Studie zugrunde liegenden Rohdaten zu überprüfen. Am Ende der Überprüfung wurde die Publikation zurückgezogen. Die Redaktion der Zeitschrift schrieb:

„A more in-depth look at the raw data revealed that no definitive conclusions can be reached with this small sample size regarding the role of either NK603 or glyphosate in regards to overall mortality or tumor incidence. Given the known high incidence of tumors in the Sprague–Dawley rat, normal variability cannot be excluded as the cause of the higher mortality and incidence observed in the treated groups.

Ultimately, the results presented (while not incorrect) are inconclusive, and therefore do not reach the threshold of publication for Food and Chemical Toxicology.“

Mit anderen Worten: Die Zahl der untersuchten Tiere war zu gering, es wurde der falsche Rattenstamm verwendet und die Ergebnisse konnten von normaler Variabilität nicht unterschieden werden. Auf deutsch gesagt: Die Studie war schon vom Ansatz her nicht geeignet, das herauszufinden, was sie herausfinden wollte. Selbstverständlich erhielten Séralini und seine Mitstreiter das Recht, die Entscheidung zu kommentieren.

Nachzulesen sind die zahlreichen Zuschriften sowie die Stellungnahmen von Redaktion und Séralini et al. hier. Tenor der Zuschriften war nicht „Glyphosat ist harmlos“, sondern „die Studie ist ungeeignet“ und „die Schlüsse sind voreilig.“

Die Hintergründe der Veröffentlichung sind auf diesem Blog unter dem Titel „Der kalkulierte Mediencoup: Gentechnik, Glyphosat und Krebs“  geschildert.

Es ist das gute Recht der Autorin, sich zu wünschen, das BfR möge diese Hintergründe genau so verschweigen wie sie. Ob es dem Renommee einer Zeitung dient, wesentliche Hintergründe zu unterschlagen und Kommentare zu veröffentlichen, wo der Leser Fakten erwartet (er müsste allerdings schon durch die Verwendung von Kampfbegriffen wie „Ackergift“ gewarnt sein), muss die Redaktion entscheiden. Für eine Behörde, die wissenschaftlichen Standards verpflichtet ist, wäre das Verschweigen einer wissenschaftlichen Kontroverse jedoch eine grobe Pflichtverletzung. Es gehört zur guten wissenschaftlichen Praxis, eine Kontroverse einschließlich der Stellungnahmen vollständig zu zitieren, um die Einordnung der Studie zu ermöglichen – zumal die zurückgezogene Veröffentlichung, die mittlerweile ohne Änderungen in einer Zeitschrift ohne peer review (also ohne Begutachtung durch unabhängige Fachleute)  erneut veröffentlicht wurde, eine der argumentativen Hauptstützen von Gentechnik- und Pestizid-Gegnern zum Beleg der Schädlichkeit von Glyphosat ist und bleibt.

Hier muss man denn wohl böswillige Verdrehung der Tatsachen konstatieren. Durchschnittsleser – mit den Gepflogenheiten von wissenschaftlichen Kontroversen in Fachzeitschriften nicht vertraut – werden nach der Lektüre des Artikels vermutlich glauben, das BfR stütze sich auf die Art von Leserbriefen, die er oder sie aus der Bildzeitung oder der Süddeutschen kennt.

Abgesehen davon, dass dem Autor nicht bekannt ist, in welchem Umfang die Zeitschrift Food and Chemical Toxicology „Letters to the Editor“ einer Überprüfung unterzieht, ist es bei renommierten Zeitschriften wie Nature oder Science selbstverständlich üblich, dass solche Zuschriften geprüft werden. „Letters“ sind in diesen Fachzeitschriften Kurzberichte, die erst nach „Peer Review“ durch unabhängige, anonym verbleibende Gutachter überprüft werden. „Letters to the Editor“ sind Kurzberichte oder Kommentare, die sich zumeist auf bereits erschienene Artikel beziehen. Auch sie werden erst nach eingehender Prüfung abgedruckt. Die Ablehnungsquote ist wegen der strikten Qualitätskontrolle sehr hoch und liegt bei geschätzten 90%. Diese Gepflogenheiten sind Wissenschaftlern wohl bekannt.

Den Vogel der Unredlichkeit schießt der Grünen-Politiker Harald Ebner ab. Er kennt die Hintergründe natürlich genau: Ebner wurde zur Séralini-Kontroverse mehrfach interviewt und ist Diplom-Agraringenieur, also mit wissenschaftlichen Veröffentlichungsgepflogenheiten bestens vertraut. Dennoch lässt er sich in der Süddeutschen wie folgt zitieren: „Das BfR will uns ernsthaft Leserbriefe an ein Fachmagazin als Studien verkaufen, die das eigene Urteil vom völlig harmlosen Glyphosat bestätigen sollen.“

Nachtrag, 18.7.:

Der Artikel enthält darüber hinaus weitere verzerrte Darstellungen. Es heißt z. B. „Eingesetzt wird das Mittel hierzulande von Landwirten, um lästige Unkräuter vom Acker zu verbannen oder kurz vor der Ernte die Reife von Getreide zu beschleunigen.“ Das klingt, als ob konventionell wirtschaftende Landwirte einfach nur zu faul zum Unkrautjäten seien und die Reife nicht abwarten wollten, weil sie am Wochenende ausschlafen oder im Spätsommer lieber in die Ferien fahren möchten. Tatsache ist, dass Glyphosat vor allem deswegen eingesetzt wird, weil es die Bodenerosion verhindert, die beim Unterpflügen des Unkrauts passiert. Zweitens gelten für den Einsatz von Glyphosat kurz vor der Reife starke Einschränkungen. Bei Nichtbeachtung droht den Bauern ein Bußgeld. Nähere, gut lesbare Zusammenfassungen der aktuellen Situation gibt es z. B. bei der Thüringer Landesanstalt für Landwirtschaft oder beim Dezernat Pflanzenschutzdienst des Regierungspräsidiums Gießen.