Schon in der Antike wusste man – der griechische Historiker Thukydides hat darüber geschrieben -, dass Angst eine Haupttriebkraft für das politische Handeln ist. Mit Angst gewinnt man Unterstützer und zieht das Wahlvolk auf seine Seite.

Niemand beherzigt diese Erkenntnis heute so perfekt wie Umweltschutz-NGOs und ihre Lobbyisten in Parteien und Parlamenten. Die größte Angst kann man schüren, wenn man Müttern einredet, ihre Kinder würden vergiftet – durch Impfstoffe, Vitamin D, Fluor im Trinkwasser oder Gift in der Nahrung. Auf die Spitze treiben lässt sich die Angst durch die Behauptung, Mütter würden ihren Kindern durch das Stillen schwerste Gesundheitsschäden  zufügen.

Genau mit dieser Behauptung – Muttermilch sei durch „wahrscheinlich krebserregendes Pflanzengift“ verseucht -, ging die Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen im Juni 2015 an die Öffentlichkeit. Die Fraktion hatte eine Untersuchung von 16 Muttermilchproben in Auftrag gegeben und gab am 26.6.15 bekannt, ein „Labor in Leipzig“ habe in allen 16 Proben „Glyphosatrückstände über dem für Trinkwasser zulässigen Rückstandshöchstgehalt von 0,1 ng/ml (Nanogramm pro Milliliter)“ gefunden.

Die Grünen gaben sich verantwortungsbewusst. Man habe „als Bundestagsfraktion … lange überlegt, ob wir Muttermilch auf Glyphosat testen und in Kauf nehmen sollen, damit stillende Mütter möglicherweise zu verunsichern, obwohl Muttermilch so wichtig für Säuglinge ist. Letztendlich haben wir uns für die Veröffentlichung entschieden, weil bei einem so wichtigen Thema wie Muttermilch und Gesundheit von Säuglingen mögliche Risiken nicht vom Tisch gewischt oder kleingeredet werden dürfen.“

Die Meldung schaffte es bis in die Tagesschau, obwohl schon damals für alle mit Grundkenntnissen in Naturwissenschaften klar war, dass daran nichts stimmen konnte. Die gleichen Zweifel waren bereits im Jahr zuvor von Forschern anläßlich einer ähnlich dubiosen Muttermilch-Belastungsstudie der gentechnikritischen Organisation „Moms Across America“ (MAA) erhoben worden. In beiden Fällen hatten die beauftragten Labors eine Methode angewandt, die sich für die Überprüfung von wässrigen Lösungen (Trink- und Grundwasser, Urin) eignet, aber nicht für fetthaltige Flüssigkeiten wie Muttermilch. In den USA maß Michelle K. McGuire, eine Spezialistin für Muttermilch der Washington State University nach, in Deutschland das Bundesamt für Risikoforschung BfR gemeinsam mit dem RIKILT-Institut der Universität Wageningen/NL, dem Analytiklabor PTRL Europe GmbH und dem Niedersächsischen Landesgesundheitsamt. McGuire und das BfR nutzten eine für Muttermilch validierte und noch dazu zehnmal empfindlichere Methode als die Labors, die die Grünen bzw. die MAA beauftragt hatten – und sie untersuchten mehr Proben (MAA: 10 Proben – McGuire 41 Proben; Grüne 16 Proben –  BfR 141 Proben). In beiden Fällen lautete das Ergebnis der Nachprüfungen: Muttermilch ist bis zur Nachweisgrenze frei von Glyphosat.

Jetzt winden sich die grünen Urheber der Studie: „Es gab zu diesem Zeitpunkt [Juni 2015, LW] noch keine validierte Testmethode mit ausreichender Empfindlichkeit“ (was nicht stimmt) und erkennen an, dass nach der Überprüfung mit validierten Methoden und an neunmal so vielen Proben zweifelsfrei feststeht, dass „in keiner der 114 Proben … Glyphosat oberhalb der Nachweisgrenze der optimierten Testmethoden von 0,5 Nanogramm pro Milliliter nachgewiesen“ wurde.

Harald Ebner, das Anti-Glyphosatgesicht der Grünen, twittert gar: „Bisher gabs keine Messmethode. Jetzt schon.“

Mit anderen Worten: Der Fraktion und allen voran ihrem Glyphosat-Experten Harald Ebner war schon damals bekannt, dass die von ihnen in Auftrag gegebene Untersuchung eine Nullstudie war, durchgeführt mit faulem Zauber, der auf jeden Fall zu positiven Ergebnissen kommen und damit die erwünschte politische Munition liefern würde.

Wenn auch nur eine Mutter aufgrund der Angstkampagne der Grünen ihr Kind abgestillt hat, wäre das ein nicht zu verantwortender Schaden. Manche nennen das skrupellos, andere kriminell. Ich nenne es niederträchtig und moralisch verkommen. Ein Politiker mit Anstand tritt spätestens jetzt zurück. Tut er es nicht, hat er das Recht verwirkt, jemals wieder Moral und Verantwortung in der Politik einzufordern.

Was ist eine validierte Methode? Eine Messmethode ist „validiert“, wenn der formelle und dokumentierte Nachweis erbracht ist, dass sie für ihren Einsatzzweck geeignet ist und die an sie gestellten Anforderungen erfüllt. Dieser Nachweis muss in systematischen Testreihen reproduzierbar erbracht werden. Ein vergleichsweise kleines Molekül wie Glyphosat in Muttermilch nachzuweisen, ist schwierig, da Muttermilch reich an Fett und Eiweiss ist. Es gibt nur wenige Methoden und Institute, die über entsprechendes Know-how verfügen. Das von den Grünen beauftragte Institut hatte kein validiertes Nachweisverfahren zur Verfügung (sprach dementsprechend auch von „nicht akkreditierten“ Methoden) und benutzte den ELISA-Nachweis, der bei Störungen falsch positive Ergebnisse liefert.

Welche Methode wurde bei der von den Grünen beauftragten Studie verwandt?

Glyphosat ist nicht ganz leicht nachzuweisen. In wässriger Lösung (z. B. Trink- und Grundwasser, Urin) verwendet man den ELISA-Test (Enzyme Linked ImmunoSorbent Assay). In komplexen Flüssigkeiten wie Muttermilch sollte der Test nicht eingesetzt werden, weil die zahlreichen Bestandteile der Muttermilch (Fette, Eiweiße, Vitamine usw.) stören können.

Der ELISA-Test beruht auf einem Stoff, der Glyphosat bindet (Biologen sprechen von einem Antikörper). Ist Glyphosat in einer Probe (hier Muttermilch) vorhanden, klebt es an dem Antikörper fest. Doch leider lässt sich nicht einfach auszählen, an wie vielen Antikörpern Glyphosat gebunden ist, wenn man die Probe dazu geschüttet hat. Daher sind ein paar Tricks erforderlich: Für den Test wird nicht nur die Probe, sondern auch ein Enzym zu den Antikörpern gegeben, das ein chemisch fest verbundenes Glyphosatmolekül trägt. Nun konkurrieren freie Glyphosat-Moleküle aus der Probe und Glyphosat-Enzym-Moleküle um die begrenzten Antikörper-Plätze. Ist viel Glyphosat in der Probe, können nur wenige Glyphosat-Enzym-Zwitter an den Antikörper binden. Ist kein oder kaum Glyphosat vorhanden, binden entsprechend viele Glyphosat-Enzym-Zwitter. Das Ganze lässt man eine Weile einwirken und wäscht den nicht gebundenen Überschuss weg. Dann gibt man einen Prüfstoff zu, der von dem Enzym-Teil des Zwittermoleküls gespalten werden kann, so dass ein Farbstoff frei wird. Wurde viel Zwittermolekül von den Antikörpern festgehalten (war also wenig Glyphosat in der Probe vorhanden), wird viel Farbstoff freigesetzt. War umgekehrt viel Glyphosat in der Probe, konnten nur wenig Glyphosat-Enzym-Zwitter binden und es wird nur wenig Farbstoff freigesetzt. Hier wird deutlich: Wenn irgendetwas die Bindung des Glyphosat-Enzym-Zwitters an die Antikörper stört (z. B. Fett in der Probe), bildet sich nur wenig Farbstoff und entsprechend täuscht die Methode eine hohe Glyphosat-Konzentration vor.  Von ELISA-Methoden ist bekannt, dass viel Fett genau diesen Effekt hat. Von daher war zu erwarten, dass mit dieser Methode etwas „gefunden“ wurde, was in Wirklichkeit nicht vorhanden war.