Biobauern berichten in diesem Jahr über herbe Ernteverluste bei Wein, Kartoffeln und anderen Nutzpflanzen. Ursache ist nicht etwa die feuchte Witterung, sondern die Weigerung der Biobauern, moderne Fungizide einzusetzen, um ihr Biozertifikat und damit die Aussicht auf Premiumpreise nicht aufs Spiel zu setzen (s. den Beitrag über Lebensmittelverschwendung). Sie nutzten stattdessen Fungizide aus dem 19. Jahrhundert, die im Ökolandbau erlaubt, allerdings wesentlich weniger wirksam und noch dazu deutlich umweltschädlicher sind. Da absehbar ist, dass diese Mittel wegen ihrer Giftigkeit verboten werden, müssen neue her – die Ökolobby ruft nach Kaliumphosphonat. Damit das klappt, sind eine Reihe von intellektuellen Verrenkungen nötig und die Gutachter des Ökolandbaus müssen gar auf die NASA als Kronzeugen zurückgreifen. Die Verbraucher haben von der Debatte bislang wenig mitbekommen, da sie erfolgreich mit der Behauptung indoktriniert wurden, der Biolandbau verwende überhaupt gar keine Pestizide.

Abneigung gegen „Chemie“

Der Biolandbau, dessen Ursprünge und Regeln in der Lebensreformbewegung der 1920er Jahre und den „spirituellen“ bzw. „biologisch-dynamischen“ Methoden des 1925 verstorbenen anthroposophischen Mystikers Rudolf Steiner wurzeln, hegt eine tiefsitzende Abneigung gegen alle Errungenschaften der modernen Chemie.

Pflanzenschutz und Dünger sind auch in der Biolandwirtschaft möglich, aber erlaubt sind nur Mittel, die auch in der Natur vorkommen. So wird z. B. das Chrysanthemengift Pyrethrum als Insektizid verwendet, wenn es aus Pflanzen gewonnen wird, nicht aber künstlich hergestelltes Pyrethrum bzw. seine Abkömmlinge, die Pyrethroide, die nicht nur billiger, sondern chemisch so modifiziert sind, dass sie weniger giftig für Mensch und Tier (Bienen!), weniger persistent und zugleich wirksamer sind. Pyrethroide können sparsamer und exakter dosiert werden als Pyrethrum-Extrakte, so dass weniger Gift in die Umwelt ausgebracht werden muss. Der Biolandbau lehnt die Pyrethroide dennoch ab, denn sie stammen aus einer Fabrik. Dass für den Pyrethrumbedarf der europäischen und nordamerikanischen Ökoindustrie in Afrika und Südamerika ganze Landstriche mit Chrysanthemen bebaut werden müssen, ist für die Bioszene kein Thema. Sie skandalisiert lieber den dortigen Anbau von Schnittblumen und Gemüse für den westlichen Markt und beklagt, dass diese Exportgüter zwar Devisen brächten, aber Fläche, Wasser und andere Ressourcen binden würden, die damit nicht der lokalen Lebensmittelproduktion zur Verfügung stünden („Geld kann man nicht essen“, „Rosen aus Afrika heißt Wasserexport aus Dürregebieten“).

Die Kupferproblematik

Gegen Pilzschädlinge (Kraut- und Knollenfäule, Falscher Mehltau usw.) nutzt der Biolandbau Kupfersalze. Die Wirkung von Kupfer als Fungizid wurde im 19. Jahrhundert in Frankreich entdeckt, und weil die Kupfersalze in der Natur vorkommen, gelten sie als gut und sind Biobauern erlaubt, auch wenn längst bekannt ist, dass sie giftig für Bodenorganismen (einschließlich des Regenwurms) sind und sich im Boden über Jahre anreichert.

Die EU erlaubt dennoch bis zu 6kg Reinkupfer pro Jahr und Hektar, Deutschland bis zu 3kg, einzig der Demeter-Bioverband verbietet seinen Mitgliedern den Kupfereinsatz. In Frankreich gelten die erlaubten Höchstmengen der EU, die Niederlande haben den Einsatz von Kupfersalzen als Pflanzenschutzmittel wegen seiner Giftigkeit komplett verboten. Da die EU den Kupfereinsatz weiter minimieren und am liebsten ganz verbieten möchte (Vorsorgeprinzip!), steht der Ökolandbau erheblich unter Druck, alternative Strategien zu entwickeln, um den Kupfereinsatz zumindest weiter zu reduzieren.

Das Kupfer erwies sich in diesem Jahr überdies als nutzlos, denn die Ökogiftbrühe wurde durch den Dauerregen in den Boden gewaschen, bevor sie die Pilze töten konnte. Zwar wurde den deutschen Biobauern in diesem Jahr mit einer Notfallzulassung durch das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) die Anwendung von bis zu 4 kg Reinkupfer pro Hektar und Jahr erlaubt, aber die Maßnahme reichte nicht für eine wirksame Pilzbekämpfung. So sind die Biobauern händeringend auf der Suche nach wirksamen Ersatzmitteln, die aber keinesfalls aus den Labors der „Chemie“ stammen dürfen.

Ökolobby will synthetisches Pestizid mit Rückstandsproblematik

In Deutschland betreiben sie heftigen Lobbyismus für die Freigabe von Kaliumphosphonat, einem Mittel, das im Biolandbau von etwa der Jahrtausendwende bis 2013 als „Pflanzenstärkungsmittel“ bzw. Blattdünger zugelassen war und auf dem Umweg über Algenpräparate in den Biolandbau eingeführt wurde. Den Algenpräparaten war das Kaliumphosphonat allerdings künstlich zugesetzt worden. Daher hatten sich in den 1990er Jahren zahlreiche nationale und internationale Ökolandbauverbände gegen dessen Verwendung ausgesprochen. Aber es erschien unverzichtbar und so wurde es nach einer Kehrtwende der Ökoverbände akzeptiert.

Doch die EU ließ sich nicht lange darauf ein. Kaliumphosphonat dringt in die Pflanze ein und löst dort Stressmechanismen aus. Dabei werden zahlreiche Stoffe freigesetzt, die sich auch gegen Pilze und andere Schädlinge richten. Wegen dieser Wirkungsweise stufte es die EU schließlich als Pflanzenschutzmittel ein. Es ist zugelassen, allerdings nicht für den Ökolandbau – schließlich ist es synthetisch hergestellt, in der Natur nirgendwo aufzufinden, wirkt systemisch und bildet Rückstände, denn es kann von den Pflanzen nicht abgebaut werden. Es findet sich daher in erheblichen Mengen in den Produkten. Wird es nach der Blüte angewandt,

lassen sich in den Früchten Rückstände bis nach fünf Monaten Lagerung nachweisen, z. T. sogar noch in den Früchten des Folgejahrs und den Austriebsblättern zwei Jahre nach der Behandlung. Ähnliche Zeiträume werden für Rückstände in Reben, Trauben und Wein sowie Kartoffeln und Kartoffelprodukten beobachtet. So fehlt Kaliumphosphonat auf der Liste der zugelassenen Pflanzenschutzmittel der Ökoverordnung der EU, und der Einsatz des Mittels ist Biobauern in allen EU-Mitgliedsstaaten verboten.

Damit sich das ändert, betreiben die Ökoverbände heftigen Lobbyismus für die Freigabe von Kaliumphosphonat und haben bereits eine Reihe von Landwirtschaftsministern (vor allem grüne) auf ihrer Seite gezogen. Die betreiben nicht nur Lobbyarbeit in Brüssel, sondern haben in den Bundesländern mit Wein- und Hopfenanbau „Großversuche“ initiiert, die den Ökobauern die Anwendung von Kaliumphosphonat auf Teilen ihrer Flächen erlauben. Politik, Lobbyisten und Ökolandwirte hoffen, dass die EU den Versuch und damit die Anwendung des Stoffs nachträglich genehmigt und die Flächen im nächsten Jahr wieder als „öko“ gelten können. Bei Ablehnung durch die EU würde ein vollständiger Umstellungszeitraum von drei Jahren notwendig werden. Zu den Regeln und Vorschriften hinsichtlich Kaliumphosphonat findet sich ein Überblicksartikel auf dem „Bauer Willi“-Blog.

Flankenschutz für Kaliumphosphonat liefern Symposien, Gutachten, Papiere und Materialien, die nachweisen sollen, dass Kaliumphosphonat „naturstofflichen Charakter“ hat.

Dafür sind einige argumentative Verrenkungen nötig.

Ein Naturstoff aus dem Kosmos

So kommt ein Gutachten für den Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft e.V. (BÖLW) durch den Dipl.-Önologen Dr. Uwe Hofmann, Sachverständiger für Weinbau und Kellerwirtschaft und Gründer des Beratungsbüros Eco-Consult, 2012 zu dem Ergebnis: „Kalium-Phosphonat, als anorganisches Salz der Phosphonsäure ist in der Natur nicht unmittelbar nachweisbar.“ Das ist kein schönes Ergebnis. Aber der Gutachter möchte nicht ausschließen, dass es doch einmal in der Natur existiert haben könnte: „Die Salze der Phosphonsäure wie auch das Phosphonat spielten möglicherweise in der präbiotischen Chemie und der Entwicklung des Lebens auf der Erde eine wesentliche Rolle.“ Zudem sei unlängst die „Phosphit-Oxidation zu Phosphat durch anaerobe Bakterien in Meeressedimenten unter Nutzung von Sulfat als Elektronendonor“ entdeckt worden. „Dies kann als Hinweis auf ein präbiotisches Vorhandensein der Phosphonsäure gewertet werden. (…) Daraus kann sich ein naturstofflicher Charakter des Stoffes ableiten lassen.“

Auf einem Fachgespräch „Pflanzenschutz im Ökologischen Landbau – Probleme und Lösungsansätze – Phosphonate“ des Julius Kühn-Instituts (JKI) – Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen schlagen Vertreter der Ökobioindustrie in die gleiche Kerbe. Iradj Scharafat, Hersteller von Öko-Pflanzenschutzpräparaten („Gesunde und vitale Pflanzen mit der Urkraft der Meeresalgen“), bemüht gar die NASA als Kronzeugen für die Naturhaftigkeit des Kaliumphosphonats: „Heute werden in der Präbiotischen Chemie Phosphonsäure (H2HPO3) und Phosphonate als Ausgangsmaterial für die Entstehung des Lebens angesehen, nachdem die Chemiker der NASA Phosphonate und Phosphonsäure als Phosphor-Bestandteile im Murchison-Meteoriten-Extrakt festgestellt haben. Theorie (sic!) besagt: Die Umwandlung und Reduktion von Phosphat zu Phosphonat benötigt sehr viel Energie, die nur durch Blitz und vulkanische Eruption aus mineralischen Phosphaten entstehen konnte. Die Ozeane wurden durch starken Vulkanismus mit Phosphonaten angereichert. Ultraviolette Strahlung hat schließlich die Reaktion der anorganischen Phosphonate mit organischen Verbindungen in organische Phosphonate begünstigt.“

Der Bundesverband Naturkost Naturwaren (BNN) assistiert mit einem Zitat aus Hofmanns Gutachten: „Organische Phosphonate (zu denen Kaliumphosphonat nicht zählt, siehe oben) kommen in allen Lebewesen vor.“ Nichts Schlimmes also, und die Ökolandwirte vergessen nicht, darauf hinzuweisen, dass Kaliumphosphonat „ökologisch völlig unbedenklich und etwa so gefährlich wie Kochsalz“ sei und lediglich die Abwehrkräfte der Pflanzen steigere.

„Naturstofflichkeit“ ist überall!

Wir könnten uns also entspannt zurücklehnen: Anorganische Phosphonate haben „naturstofflichen Charakter“, denn die NASA hat sie in einem Meteoriten gefunden und sie spielten möglicherweise bei der Entstehung des Lebens in der Tiefsee in der Nähe von schwarzen Rauchern und unterirdischen Vulkane eine Rolle – wenn das keine Urkraft ist! Organische Phosphonate sind darüber hinaus überhaupt kein Problem, denn, so Gutachter Hofmann, sie kommen in allen Lebewesen vor: „Phosphonate sind weit verbreitet in vielen verschiedenen Organismen, z. B. in Prokaryonten, Eubakterien, Pilzen, Mollusken und Insekten.“ (S. 5, op.cit.).

Hofmann weist darauf hin, dass auch synthetische organische Phosphonate im Einsatz sind, und zwar als „Korrosionsinhibitoren, zur Brauchwasserbehandlung (Wasserenthärtung, Kalkbindung) und als Peroxid-Stabilisatoren.“ Er vergisst allerdings ein Phosphonat, mit dem der Ökolandbau und seine Verfechter erhebliche Probleme haben: Carboxymethyl-Aminomethyl-Phosphonat, besser bekannt unter dem Namen Glyphosat. Dass es in dem Gutachten nicht auftaucht, ist sicher besser so – am Ende könnten Verbraucher verwirrt werden und glauben, auch für Glyphosat könne ein „naturstofflicher Charakter“ angenommen werden.