Während meiner Tätigkeit als Gutachter und Journalist für Greenpeace war die „Kampagnenfähigkeit“ wichtiges Kriterium für die Bewertung von Studien und Nachrichten. Als Faustregel galt: Nur, wenn die Bevölkerung Angst vor Krankheit und Verseuchung bekommt, geht das Portemonnaie auf und die Spendengelder fließen. Das muss man puschen. Alles andere ist nicht „kampagnenfähig“ und daher zu vernachlässigen.

Mit der Angstkampagne gegen Gentechnik in der Nahrung folgt Greenpeace dieser Maxime seit den 1990er Jahren – bis heute. In diesen zwei Jahrzehnten hat die Spendensammelorganisation viel Geld eingeworben, aber auch zahlreiche Campaigner verloren, die diesen Kurs nicht mehr mittragen wollten. Weitere werden folgen, denn Greenpeace hat sich mit seiner Opposition in eine argumentative Ecke begeben, aus der es ohne Gesichtsverlust (und empfindliche Spendeneinbußen) nicht mehr herauskommen kann. Daher wird Greenpeace alles tun, um immer neue Studien zu fordern und alles, was der Gefährlichkeitsthese widerspricht, mit Schweigen übergehen. Die Grünen sind da nicht anders.

Allerdings sind weder Greenpeace noch die Grünen Fundamentalisten. Widerstand gegen Gentechnik wird – wie auch gegen ISDN, Computer, das Internet und Mobilfunk – rasch aufgegeben, wenn Volkes Stimme anders lautet. Dann werden die Aufkleber „In diesem Büro arbeiten keine Computer!“ abgekratzt. Die Zuckerkranken wollen Gentechnik-Insulin, die Krebskranken Gentechnik-Antikörper? Schade, aber nun gut – was kümmern uns die Bedenken von gestern?  Längst fördern die Regierungen mit grüner Beteiligung die Gentechnik in der Medizin, und grüne Regierungsmitglieder eröffnen gern Biotechnologiekongresse und einschlägige Forschungs- und Produktionseinrichtungen. Die weiße Biotechnologie, die keiner kennt, wird ebenfalls begrüßt. Die Bevölkerung kümmert es nicht, und die Argumente für Gentechnik in der chemischen Produktion, beim Recycling und bei der Aufbereitung von Abwasser und Abfällen sind unschlagbar: Einsparung von Energie und Rohstoffen, Verminderung von Umweltverschmutzung, Vermeidung giftiger Nebenprodukte und Rückstände, kurz, ur-grüne Anliegen werden erfüllt. Man ist dafür.

Mit der grünen Gentechnik ist es anders. Der Verbraucher, der anders als bei Medikamenten, Internet und Smartphones keine unmittelbaren Vorteile für sich sieht, ist aufgescheucht und fürchtet sich vor „Frankenfood“, seit er von den Grünen und ihnen verbundenen NGOs „sensibilisiert“ wurde. Zudem hegen grüne Aktivisten eine Vorliebe für Bio, eine quasi-religiöse Bewegung, die mit ihren verquasten Vorstellungen über Natur und Gesundheit („genfrei leben“), ihren antiquierten Produktionsmethoden und ihren esoterischen Praktiken (Kuhhörner bei Vollmond vergraben potenzieren die Kraft der Ackerkrume) eher ins Mittelalter passt als in die Neuzeit.

Um die Maschinerie aus Angst und Erlösungsangebot (Wehe der Agarchemie! Kauft Bio und euch winkt Gesundheit, ein langes Leben und ein gutes Gewissen) am Laufen zu halten, liegt es nahe, die alten Argumente zu recyceln, mit denen schon gegen Gentechnik-Insulin und andere Gen-Medikamente gekämpft wurde. Die Stich- und Reizworte lauten:  Risiko-Technologie, nicht rückholbare Produktionsorganismen, unabsehbare Umweltschäden, unbekannte Gesundheitsrisiken, Geschäftemacherei, keine Vorteile für Patienten/Verbraucher usw.

Die intelligenteren unter den Grünen wissen längst, dass Gentechnik in der Landwirtschaft zahlreiche Vorteile bringt: höhere Produktivität, Erntesicherheit, Schonung von Böden und Ressourcen, weniger Einsatz hoch giftiger Insektizide und Pestizide. Aber sie können sich nicht durchsetzen, denn es gilt: Vorrang hat der Populismus, schließlich braucht man Wählerstimmen, und die Bevölkerung ist darauf eingeschworen, Frankenfood abzulehnen. Statt zu gestalten (nicht alles, was Gentechnik in der Landwirtschaft tut, ist sinnvoll), verlegt man sich auf Obstruktionspolitik. Das führt dann zum Beispiel dazu, dass die grüne Gentechnik sich in den Händen großer Monopole konzentriert, denn kleine Produzenten können sich die aufwändigen Prüfungs- und Zulassungsverfahren (und die kostspieligen Vorkehrungen gegen den politisch gewollten Vandalismus) nicht mehr leisten. Kriminell jedoch ist, dass in der Dritten Welt Millionen von Menschen hungern und Kinder erblinden, weil westliche NGOs und kirchliche Hilfswerke der Bevölkerung einreden, Gentechnik sei noch schlimmer – Kolonialismus 2.0 mit Missionaren in neuem Gewand.

Inzwischen gibt es kein Zurück mehr. Da müssen dann noch die schrottigsten Studien verteidigt und auf Biegen und Brechen Horrormeldungen erzeugt werden. Das Schöne ist: Die Medien ziehen mit. Nach nackter Haut und bloßen Brüsten (eine Domäne der Magazine) bringen nur Warnungen von Gift und Siechtum mehr Auflagensteigerung. Redakteure, die Wissenschaft verstehen, gibt es kaum noch.

Jüngstes Beispiel: Die „Muttermilchstudie“ der Grünen, bei der mit einer nicht-validierten Methode in einer nicht näher charakterisierten Stichprobe von 16 Frauen Glyphosat im Nanogramm-Maßstab gefunden wurde. Die Meldung lief in allen großen Medien, Agenturen und öffentlich-rechtliche Sender eingeschlossen. Tenor: „Grüne schlagen Alarm – Pflanzenschutzmittel in Muttermilch gefunden“. Nur wenige große Medien wie etwa „Der Stern“ und „Die Welt“ machten nicht mit.

Das Muster für die Kampagne der Grünen lieferte die amerikanische Bewegung „Moms across America“ (MAA), die seit Jahren Sturm gegen Gentechnik, Pestizide und Monsanto zu laufen versucht, gern mit Behauptungen wie: „Wildtiere verschmähen GMOs, seit Einführung von GMOs sind Allergien um 400% gestiegen, Autismus hat dramatisch zugenommen, GMOs enthalten keinerlei Nährstoffe, aber lauter Gifte“ usw. MAA ließ 2014 Muttermilch auf Glyphosat testen, mit ähnlich zweifelhaften Methoden und Vergleichsmaßstäben (Trinkwasser) und dem Ergebnis: „The levels found in the breast milk testing of 76 ug/l to 166 ug/l are 760 to 1600 times higher than the European Drinking Water Directive allows for individual pesticides.“

Der Medienrummel um die MAA-Pressemitteilung veranlasste Wissenschaftler der Washington State University, eine gründliche Studie durchzuführen. Ein Team um Michelle McGuire, außerordentliche Professorin an der WSU School of Biological Sciences und Spezialistin für die Physiologie von Muttermilch, sammelte Urin und Muttermilch von 41 Frauen, die in Gegenden mit intensiver landwirtschaftlicher Nutzung lebten und in denen Glyphosat routinemäßig eingesetzt wird. 10 der Frauen lebten auf Bauernhöfen oder in unmittelbarer Nachbarschaft einer Farm, 23 ernährten sich konventionell und 5 hatten Umgang mit Glyphosat.

Bestimmt wurden Glyphosat und Glyphosat-Abbauprodukte, und zwar mit validierten Methoden der hochempfindlichen Flüssigkeitschromatographie / Tandem-Massenspektrometrie (LC/MS/MS), die für den Nachweis von Glyphosat optimiert war. Das Ergebnis: In keinem Fall konnten Glyphosat oder Glyphosat-Abbauprodukte in der Muttermilch nachgewiesen werden, selbst dann nicht, wenn im Urin der Frauen Glyphosat vorhanden war. Rückstände im Urin fanden sich nur bei wenigen Frauen und waren extrem niedrig. Es gab keine Unterschiede zwischen Frauen, die sich konventionell oder bio ernährten und auf dem Land oder in der Stadt lebten. McGuire kommt zu der Schlussfolgerung, es gebe keine Anzeichen dafür, „dass Glyphosat sich biologisch anreichert“. Ihre Untersuchung zeige darüber hinaus, wie wichtig es sei, für komplexe biologische Substrate wie z. B. menschliche Milch sorgfältig validierte Methoden zu verwenden.

Die Studie wurde am 23.7. auf der Konferenz der Federation of American Societies for Experimental Biology in Big Sky, Mont. vorgestellt und  wird demnächst in einer Fachzeitschrift veröffentlicht.

Bis heute hat kein deutsches Medium darüber berichtet. Entwarnungen sind nicht kampagnenfähig. Das mussten auch Molekularbiologen des Forschungszentrums für Molekulare Medizin Wien gerade erleben. Wie Martin Moder heute auf Science Blogs berichtet, wurden er und seine Kollegen unlängst vom Österreichischen Fernsehen zum Thema GMOs interviewt. Die Aufzeichnung wurde aber nicht gesendet, mit der Begründung, es habe nicht gepasst, dass die Forscher „auf die gesundheitliche Unbedenklichkeit von GMOs hingewiesen haben“.