Im Urlaub auf Lanzarote habe ich nach 20 Jahren die Caldera des los Cuervos wieder besucht, den ersten Vulkan, der beim verheerenden fünfjährigen Ausbruch von 1730 bis 1735 entstand. Der „Rabenkessel“ ist etwa 90 Meter hoch, ein markanter Kegel, der sich aus einer Landschaft aus scharfkantiger Lava erhebt. IMG_0001Der Hamburger Grafiker Wolfgang Werkmeister hat ihn eindrucksvoll in einer Radierung seines Lanzarote-Zyklus festgehalten. Man kann den Krater betreten, denn an der Nordseite sprengte kurz nach dem Ausbruch der Druck der noch kochenden Lava einen Teil der Wand weg. Eines der Trümmerstücke, etwa 15 mal 20 Meter groß, wurde dabei gut 150 Meter weit mitgerissen und liegt noch heute dort.IMG_0007 Durch die entstandene Öffnung lässt sich der Kraterboden betreten. Man muss innen ein Stück die Flanke hinuntersteigen, der Boden liegt ca. 20 Meter tiefer als das Lavafeld, das den Kegel umgibt. Asche und die etwas größeren Lava-Pilli, die den Boden aus erkalteter Lava früher bedeckten, wurden nämlich jahrelang mit LKW für die Verwendung in Landwirtschaft und Straßenbau abgefahren. Auch heute noch besteht der Boden aus diesem Material. Darauf liegen kleinere Lavablöcke, die vermutlich von den Kraterwänden heruntergestürzt oder bei der Nutzung hierher geraten sind.

Vor 20 Jahren war die Materialabfuhr bereits gestoppt. Man konnte auf eigene Faust hinuntersteigen. Dann wurde mit EU-Mitteln und schwerem Gerät ein Naturlehrpfad angelegt, der um den Berg herum und in den Krater hinein führt. Es ist ein bequem zu laufender Weg, der von Lavasteinen begrenzt wird. Tafeln erklären, was man sieht und Schilder erinnern an das Verbot, die Wege zu verlassen. Nicht alle halten sich daran, deutlich sichtbar an den Fußstapfen in den Flanken des Bergs, die vorwiegend aus Asche bestehen. Da es in Lanzarote nur äußerst selten regnet, lässt sich jedoch nicht sagen, ob die Spuren ein paar Monate oder ein paar Jahrzehnte alt sind.

Wenn man den Vulkan umrundet und den Krater betritt, stellen sich Fragen, nicht nur nach dem Ausbruch, der Geologie und Mineralogie, sondern danach, welche Natur wir wollen.

Vor über 100 Jahren beschrieb der spanische Geologe Eduardo Hernándes-Pacheco seinen Eindruck vom Inneren des Kraters so:

„Nicht ein Grashalm, nicht ein Busch leben zwischen den kahlen Felsen. Es existieren keine weiteren Farbtöne als das intensive Schwarz der Lava und der Schlacken der Caldera und das blasse blaue Oval des Himmels, wodurch diese Landschaft manchmal, mit ihrer erhabenen Einsamkeit, eine Großartigkeit hat, die das Gemüt hinreisst und zusammenzieht.“

Das war schon Mitte der 1990er Jahre anders: Flechten bedeckten zahlreiche Steine und überzogen den Krater innen mit grünen Sprenkeln. Aus den Sprenkeln sind 20 Jahre später regelrechte Matten geworden, und auch höhere Pflanzen haben Einzug gehalten. Es wachsen Kräuter und bis zu 30 cm hohe Stauden; die ersten Büsche und Bäume sprießen. An der Westseite, wo vom Wind verwehtes Auswurfmaterial einen zweiten Hügel bildet, wachsen außen so viele Bäume, dass in ein paar Jahren ein kleiner Hain entstanden sein wird.

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Lässt man der Entwicklung ihren Lauf, wird der Vulkan allmählich ergrünen. Die Flechten werden immer mehr verschwinden. Sie haben die Lava für andere Pflanzen erschlossen, sie poröser und zugänglicher gemacht und damit Lebensraum für Pflanzen mit Wurzeln geschaffen. Nach und nach wird die heute noch scharfkantige Lava dabei geglättet, abgeschliffen und zerkleinert werden. Das alles dauert in Lanzarote länger, weil es so gut wie nie regnet und niemals friert, und damit die typischen Verwitterungsprozesse nördlicher Zonen fehlen. Doch irgendwann wird der Vulkankegel zu einem sanften Hügel geschrumpft sein, dem nur noch Geologen seine Vergangenheit ansehen.

Das erklärte Ziel des Nationalparks und zahlreicher Umweltschützer ist es jedoch, die „ursprüngliche Wildheit“ der Landschaft zu erhalten. Als vor ein paar Jahren der Krater für ein Konzert genutzt werden sollte, erhob sich internationaler Protest. Wenn das Ziel ernst gemeint ist, wird es nicht mehr lange dauern können, bis Landschaftsgärtner einrücken müssen, um die Pflanzen zu entfernen, die dort unaufhörlich wachsen. Im Grunde hätten auch schon die Flechten entfernt werden müssen.

Aber kann Natur ein Museum sein, in dem konserviert wird, was uns Menschen zu irgendeinem Zeitpunkt bemerkens- und schützenswert scheint? Soll der Krater „ursprünglich“ bleiben (also ohne jede Vegetation), ist der Flechtenbewuchs schützenswert (also weg mit den höheren Pflanzen) oder ist er schützenswert, wenn mit den ersten höheren Pflanzen Schmetterlinge, Wildbienen und Vögel einziehen? Wer bestimmt diesen Zeitpunkt?

Oder bedeutet Naturschutz, dass der Mensch gar nicht eingreifen und die „Natur“ sich selbst überlassen soll? Dann muss er auch die Veränderungen akzeptieren, die sich daraus ergeben, einschließlich der Einebnung des Kraters durch natürliche Prozesse und des Aussterbens einiger sehr seltener oder sogar nur auf Lanzarote vorkommender Arten, die an das Leben in Lavafeldern angepasst sind. Aber wenn Veränderungen erwünscht sind, warum darf dann der Mensch an dieser Natur nichts verändern? Warum darf er den Krater nicht einmal für eine Kulturveranstaltung nutzen? Selbst Umweltschützer scheinen hier nicht genau zu wissen, was sie wollen: Die Landschaft soll „ursprünglich“ bleiben – andererseits werden die ersten Pflänzchen, die hier sprießen, eifrig mit Schutzmäuerchen umgeben, damit Wind und Sonne ihre Ansiedlung nicht gefährden.IMG_1567IMG_0008

Wie künstlich die Vorstellungen von einer „Erhaltung“ einer irgendwie definierten „Natur“ sind, zeigt auch ein Blick in die Geschichte der Insel. Lanzarote ist vulkanischen Ursprungs; die ersten Menschen, die sich vor etwa 3.000 Jahren auf der Insel niederließen, machten sie urbar und veränderten ihre Gestalt, indem sie Äcker anlegten, Bäume pflanzten und Tiere hierherbrachten, die es zuvor dort nicht gegeben hatte. Heute würden solche Inseln als „unberührte Gebiete“ höchstens von Wissenschaftlern betreten werden dürfen. Auch nach den letzten Ausbrüchen von 1730-35 und 1824 machten sich die Einwohner daran, das Land wieder zu nutzen. Sie verwendeten die Lavabrocken als Baumaterial und die Bauern erfanden in den aschebedeckten Gebieten eine neue Anbaumethode: Sie gruben oder schürften mit Hilfe von Eseln Trichter und Furchen in die Lavaasche, bis die Schicht zersetzten Tuffs darunter erreicht war. IMG_1232 Die Gruben und Felder schützen sie auf der Windseite mit kleinen Mauern aus Lavabrocken und pflanzten an die tiefste Stelle jeweils einen Weinstock, so dass sich auf weiten Gebieten diese halbkreisförmig ummauerten Trichter die Hänge der Berge hinaufziehen. Lavaasche bzw. Lapilli (so heißt das erbsen- bis nussgroße Lavagranulat, dass sich bei den Ausbrüchen bildet) speichern Luftfeuchtigkeit und Tau und leiten das Wasser langsam, aber stetig auf den Grund des Bodens, wobei es sich mit Nährstoffen anreichert. Das Weinanbaugebiet La Geria, in dem aus den Aschetrichtern am Rand des Nationalparks gute Weine gekeltert werden, ist nicht nur eine Touristenattraktion, sondern sogar UNESCO-Weltkulturerbe und gilt auch Umweltschützern als schützenswertes Gebiet.

Das in La Geria erfundene Prinzip wird mittlerweile als „Trockenfeldbau“ auf der ganzen Insel angewandt, um Mais, Zwiebeln und Gemüse zu ziehen und dabei mit äußerst wenig Wasser auszukommen. IMG_0599 Lanzarote hat nämlich keine nennenswerten Süßwasservorräte und muss alles Süßwasser energieaufwändig aus Meerwasser herstellen. Der Trockenfeldbau gilt daher als einmalige, ökologische verträgliche und schützenswerte traditionelle Landwirtschaftsmethode, obwohl dafür mehr als hundert Vulkanberge teilweise abgetragen wurden und auch der Nachschub irgendwo herkommen muss. Alle 10 Jahre nämlich muss die Lapilli-Schicht (im Spanischen Picón) erneuert werden. Noch haben die Umweltschützer das Thema nicht für sich entdeckt, aber der Aufschrei wird kommen. Dass Gewächshäuser so wie auf dem spanischen Festland als Alternative akzeptiert würden, bezweifle ich allerdings.

Bis jetzt haben die Bewohner Lanzarotes einen guten Umgang mit der Naturkatastrophe gefunden, die ihre Insel heimgesucht hat. Der Timanfaya-Naturpark umfasst nicht das gesamte lavabedeckte Gebiet, lässt also Raum für Landwirtschaft und Picón-Abbau. An den Rändern des Parks wird Platz für Wanderer gelassen, wobei in Kauf genommen wird, dass diese entgegen des Verbots doch Olivin suchen, Lavabrocken einstecken, Abfälle zurücklassen und die Wege verlassen. Im Kerngebiet jedoch werden Touristen nur in Bussen entlang einer vorgeschriebenen Route gefahren. So verträgt das Gebiet tatsächlich anderthalb Millionen Besucher pro Jahr.

Die Frage allerdings, wie mit der Veränderung, die sich zwangsläufig einstellt, umgegangen werden soll, ist unbeantwortet.

Konsequent wäre es aus der Perspektive von Hardcore-Umweltschützern wohl nur, den Menschen ganz auszusperren und die Bewohner zu evakuieren. Dann könnte die Natur nach 3.000 Jahren Besiedlung endlich wieder „gut“ werden – ein Rezept, das manche Öko-Extremisten für den ganzen Planeten als Modell empfehlen.

Freilich würden sich dann auf der Erde nicht Fuchs und Häslein friedlich gute Nacht sagen, sondern andere Lebewesen die ökologische Lücke füllen, die unser Aussterben hinterlassen würde. Das Wettrennen, sich diesen Lebensraum zu erobern, würde mit ungeminderter Härte weiter gehen, nur ohne die Mitbewerber, die – allen Unkenrufen zum Trotz – mittlerweile viel Aufwand dafür betreiben, anderen Arten ihren Lebensraum zu erhalten.