Im Wald ist das Verlassen der Wege heute verboten. Zoos sind noch erlaubt – die Forderung nach ihrem Verbot ist in grünen Kreisen jedoch inzwischen en vogue, ebenso das Verbot von Tierdarbietungen im Zirkus. In der ZEIT erschien in dieser Woche ein Plädoyer für die Abschaffung von Aquarien. Geht es nach Veganern und Tierrechtlern, müssen nicht nur Zirkus- und Nutztiere, sondern auch Haustiere und Zoogeschäfte abgeschafft werden. Wo und wie sollen Kinder und Jugendliche eigentlich noch Begeisterung für Natur erwerben?

Meine Interesse an der Biologie wurde beim Tümpeln geweckt, einer Kinderbeschäftigung, die schon länger verboten ist. Dabei durchstreiften meine Freunde und ich Flach- und Fließgewässer mit dem Kescher, um Libellenlarven, Wasserkäfer, Laich von Fröschen und Molchen, Stichlinge und andere Wassertiere mit dem Kescher zu fangen, sie in wassergefüllte Marmeladengläser zu stecken und zu beobachten.

Am interessantesten war Laich. Was für ein Wunder, wenn aus den Eischnüren winzige Kaulquappen schlüpften, die erst hinten, dann vorne Beine bekamen und sich allmählich in Frösche, Kröten oder Molche verwandelten! Natürlich musste man sie füttern, mit Wasserflöhen oder Tubifex-Würmern, die es im Zoogeschäft zu kaufen gab. Das war spannend. Heute jedoch ist die Entnahme von Laich oder Tieren aus Gewässern streng verboten.

Verboten ist es auch, Eier oder Puppen von Schmetterlingen zu züchten – ein Hobby, in das eine Zeitlang mein ganzes Taschengeld geflossen ist. Aus den Eiern, die ich bestellte und die in dicken, ausgepolsterten Briefumschlägen zugesandt wurden, schlüpften Raupen, die mit Futterpflanzen versorgt werden mussten. Heute ist das nicht nur wegen des Verbots von Verkauf und Versand der Eier unmöglich, es würde auch an der Beschaffung der Futterpflanzen scheitern. Viele davon sind streng geschützt. Zwar dürften die Raupen sie nach wie vor fressen (das ist Natur), aber der Mensch darf die Gewächse nicht pflücken oder ausgraben, um sie den Raupen zur Verfügung zu stellen.

Auch die Kunst des Ausstopfens ist heute verboten. Den toten Vogel, der gegen die Glasscheibe geprallt ist oder ganz einfach das Zeitliche gesegnet hat, muss man entsorgen; es ist nicht gestattet, ihn zu präparieren, damit er in Ruhe betrachtet werden kann. Das Gleiche gilt für alle anderen Tiere. Selbst wenn man die Tierpräparate vom Großvater geerbt hat und es sich um ausgestopfte Mäuse oder Ratten handelt, darf man sie nicht verkaufen – das Verbot gilt auch für Tiere, die nicht geschützt sind.

Vorbei sind auch die Zeiten, in denen man Käfer- oder Schmetterlingssammlungen anlegte. In Herbarien darf man gerade noch Gänseblümchen und Löwenzahn pressen. Andere Pflanzen – sofern sie nicht auf der roten Liste stehen – sind zwar nicht verboten, aber man kann sie nicht mehr erreichen, weil man in Feld, Wald und Flur die Wege nicht mehr verlassen darf (nicht mal für ein Foto!).

Bleiben noch Wasserflöhe, Hüpferlinge, Glocken- und Pantoffeltierchen, aber will man sie präparieren, um sie in Ruhe unter dem Mikroskop oder zumindest einer starken Lupe betrachten und ihren inneren Aufbau ergründen zu können, gibt es keine Möglichkeit mehr dazu. Formaldehyd, Isopropylalkohol, Benzol oder Xylol bekommt heute kein Schüler mehr. Apotheker zucken bereits bei der Frage nach destillierten Wasser oder Wasserstoffperoxid zusammen.

Chemiebaukästen sind heute so entschärft, dass außer Wasser, Kochsalz und Essig kaum noch etwas darin ist, schon gar nicht Ingredienzien, die miteinander reagieren können. Denn Chemie an sich ist bereits schlecht und gefährlich, und wenn Chemie dann noch miteinander reagiert, potenziert sich das Schlechte, und es entstehen Supergifte, die Krebs, Alzheimer und Tod nach sich ziehen.

Bleiben noch Filme – aber wenn es um Chemie geht, sollten tunlichst keine heftigen oder farbigen Reaktionen gezeigt werden (Nachahmungseffekt droht!) und wenn es biologische Themen behandelt werden, sollten keine Szenen vorkommen, in denen Tiere Tiere fressen. Natur ist zu grausam für zarte Kinderseelen.

Der Verdacht drängt sich auf, dass diese Verdrängung des Menschen aus der Natur (Finger weg! Du hast hier nichts zu suchen!s) ihre Erfüllung erst darin findet, dass es den Menschen nicht mehr gibt.

Disclaimer:

Während des Schreiben dieses Beitrag kam eine Mücke ums Leben und eine Motte erlitt Sturzverletzungen.

Der Beitrag wurde auf einem Computer erstellt, dessen Akku mit Atomstrom geladen wurde.

Der Autor des Beitrags ist geimpft, hat unlängst Genfood sowie tierische Produkte zu sich genommen und trägt Wollpullover.