Das Herbizid Glyphosat soll verboten werden, fordern deutsche Umweltschutzgruppen und Bundestagsabgeordnete der Grünen sowie der Linken. Schließlich ist es von der IARC als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuft worden, und der Monographie des IARC ist zu entnehmen, dass es sich in manchen Versuchen als genotoxisch erwies, d.h. es schädigt in einigen Versuchen an Zellkulturen das Erbgut. Für Laien klingt das bedrohlich.

Nun kommt auch der Bio-Landbau nicht vollständig ohne Pestizide aus. Selbst Bio-Bauern greifen ab und an zur Spritze. Erlaubt und verwendet wird z. B. Kupfersulfat.

Nach den Richtlinien der deutschen Biolandbauverbände dürfen Bio-Kartoffelbauern pro Jahr 3 kg Kupfer je Hektar ausbringen, laut EU-Ökoverordnung sogar 6 kg, Sie besagt, dass dieser Wert im Durchschnitt über 5 Jahre gilt, d.h. die Menge kann in einzelnen Jahren durchaus noch überschritten werden. Bei mehr als 8.000 ha Bio-Kartoffeln und angenommenen 3 kg je ha sind das mehr als 24 t Kupfer auf unseren Böden pro Jahr, hat Greenpeace errechnet. In diesen Berechnungen sind die Kupferverunreinigungen von Bio-Obstplantagen (Kernobst und Erdbeeren), Bio-Hopfen und Bio-Wein noch nicht eingerechnet.  Bio-Aäpfel werden regelmäßig mit Kupferpräparaten gegen Schorf gespritzt, bei Kartoffeln geht es um die Bekämpfung von Kraut- und Knollenfäule und im Bio-Weinbau sind Kupfersalze das Mittel der Wahl gegen den Falschen Mehltau. Dort durften 2014 sogar 4 kg je Hektar ausgebracht werden.

Die Kupfersalze können bei Bauern, die regelmäßig damit spritzen, zu Leberschäden führen. Im Boden tötet das Kupfer Würmer und Bodenorganismen und in Gewässer wirkt es auf Fische und wirbellose Wassertiere tödlich. Aber damit nicht genug: Kupfersalze wie das im Biolandbau übliche Kupfersulfat sind genotoxisch:

In Studien an Mäusen, die 1,25, 2,5, 5,0, 7,5, 10,0 oder 12,5 mg/kg (bezogen auf das Körpergewicht) Kupfersulfat in ihrer Nahrung erhielten, zeigte sich eine dosisabhängige Schädigung der roten Blutkörperchen. Bei Mäusen, die 8,25mg/kg Körpergewicht an Kupfersulfat erhielten, zeigten sich genotoxische und mutagene Effekte in Knochenmark und Blut. Hühnerküken, die Kupfersulfat in Konzentrationen von 10mg/kg Körpergewicht erhielten, zeigten im Knochenmark die Bildung von Micronuklei, das gleiche Zeichen für eine Schädigung des Erbguts, das auch in einigen Zellkulturen bei Glyphosat beobachtet wurde.

Pyrethrum, der „naturbelassene“ Extrakt aus den Blüten bestimmter Chrysanthemenarten, darf und wird ebenfalls im Biolandbau verwendet. Dabei wurde Pyrethrum von der amerikanischen Umweltschutzbehörde EPA bereits 1999 als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuft. Denn schon 1990 wurde bekannt, dass Bauern, die mit Pyrethrum beruflichen Umgang haben, ein erhöhtes Risiko für Leukämie aufweisen. 2004 erfolgte eine Neubewertung, bei der die EPA urteilte, es gebe „Hinweise auf krebserzeugende Wirkung“, mit der Einschränkung, „die aber nicht ausreichend sind, um das krebserregende Potential für den Menschen abzuschätzen“.

Seither sind mehr als 10 Jahre ohne eine Neubewertung vergangen. Dabei wurde schon 2005 veröffentlicht, dass Pyrethrin, also der in Pyrethrum-Extrakt natürlich vorkommende, chemisch unmodifizierte Wirkstoff, genotoxische Effekte auf die Zellen der menschlichen Nasenschleimhaut hatten, genauso wie die mittlerweile in Deutschland verbotenen insektiziden Holzschutzmittel Pentachlorphenol (PCP) und Lindan.

Allein diese zwei Beispiele zeigen, dass auch der Ökolandbau mit Stoffen umgeht, die krebserregendes Potenzial besitzen. Davon ist in der Öffentlichkeit allerdings nie die Rede.

Wer jetzt Angst vor Bio-Nahrung bekommt und sich fragt: „Was kann ich denn überhaupt noch essen?“, der möge sich daran erinnern, dass wir Menschen fabelhafte Abwehrmechanismen besitzen, um mit den natürlich gebildeten Giftstoffe, die wir tagtäglich mit der Nahrung aufnehmen, fertig zu werden. Diese Mechanismen haben sich wie bei allen Tieren, die Pflanzen fressen, entwickelt, um mit den tausenden von nicht verwertbaren Fremd- und Giftstoffen in pflanzlicher Nahrung fertig zu werden.

Unsere Schleimhäute beispielsweise werden innerhalb weniger Tage komplett erneuert, damit immer wieder frische, unbelastete Zellen zur Verfügung stehen. Schäden am Erbgut, die schon dann entstehen, wenn wir uns wenige Sekunden dem Sonnenlicht aussetzen, werden von effizienten DNA-Reparatursystemen beseitigt.

In der Darmwand haben wir so genannte Efflux-Transporter, Proteine, die fettlösliche Giftstoffe – dazu zählen fast alle Pestizide – zurück in den Darm transportieren, ein System, das viele Arzneimittelentwickler vor große Probleme stellt, weil es die Aufnahme von Arzneimitteln über den Darm effizient verhindert. Was dennoch ins Blut gerät, wird in der Leber zerlegt. Dieses Organ verfügt – ebenso wie Schleimhautzellen – über zwei Enzymsysteme, die solche Gifte sehr wirksam in weniger giftige, wasserlösliche Stoffe umwandeln und diese anschließend rasch zerlegen, damit sie ausgeschieden werden können.

Wegen der ungeheuren Vielfalt der Stoffe sind diese Enzymsysteme nicht spezifisch an einzelne Substanzen oder Stoffklassen angepasst. Sie sind Universalwerkzeuge, die ein breites Spektrum von Fremdstoffen zerlegen können, darunter selbstverständlich auch Medikamente und synthetische Pestizide. Selbstverständlich gibt es Ausnahmen: Dazu zählt z. B. das Knollenblätterpilzgift und manche Stoffe, die durch die Zerlegung erst schädlich werden („Aufgiftung“). Aber um das zu erkennen und auszuschließen, sind umfangreiche Test- und Zulassungsverfahren vorgeschrieben. Jedes Pestizid und jedes Medikament wird heute vor einer Genehmigung akribisch geprüft, aber wie immer ist es eine Frage der Dosis, ob etwas schädlich ist oder nicht. Zwei Glas Wein am Abend sind gut verträglich (aber schon nichts mehr für Schwangere!), zwei Flaschen Wodka tödlich.

Wer jetzt immer noch einwendet, bei gentoxischen Effekten gebe es aber keinen Schwellenwert für ein Risiko, der möge bitte auch die gentoxischen Effekte der im Ökolandbau verwendeten Stoffe zur Kenntnis nehmen und ihr Verbot fordern. Gleiches Recht für alle!