Letzten Monat war ich mit einer Autoren-Kollegin und Freundin zum Essen verabredet. Während wir uns über die Speisekarte beugten – die Auswahl war verlockend – kam die Rede auf grüne Smoothies. Ich konnte kaum glauben, was ich dann hörte.

Meine Freundin, die sich gern gesund ernähren möchte, beginnt den Morgen mit einem grünen Powerdrink, Smoothie genannt. Sie hat sich dafür einen Hochleistungsmixer gekauft, der binnen einer Minute Kräuter, Gemüse, ganze Salatköpfe und vermutlich auch Äste in sämigen Brei verwandeln kann. Die Vorstellung ließ ungute Assoziationen bei mir aufkommen – meine Kiefer-Operation (drei Tage Brei aus der Schnabeltasse) und die neuartige Vollwert-Tubennahrung für gesundheitsbewusste, aber eilige Menschen, die in den USA jemand sinnigerweise unter dem Markennamen „Soylent Green“ auf den Markt gebracht hat (nicht-Filmfans: der gleichnamige Öko-Thriller handelt von synthetischer Nahrung, die aus menschlichen Leichen hergestellt wird). Aber es waren nicht diese Gedanken, die mich aufschreckten.

Was mich schockierte, war die Beichte meiner Freundin, dass sie so ziemlich alles reinschmeißt, was grün ist und sich nicht verstecken kann: Spinatblätter, Karottengrün, Kohl und Löwenzahn, jede Menge Kräuter und Laub vom Apfelbaum. Grün heißt nämlich Chlorophyll – und steht nicht überall, dass Chlorophyll als Antioxidantium vor Zellalterung und Krebs schützt, die Haut strafft und den Körper reinigt? Grüne Smoothies, erfunden 2004 von einer selbsternannten „Ernährungsexpertin“, sollen jede Menge Vitamine, Mineralstoffe, Aminosäuren, Enzyme und supergesunde sekundäre Pflanzenstoffe enthalten. Und natürlich jede Menge Chlorophyll –  flüssiges Sonnenlicht!

Ab diesem Moment fand ich das nicht mehr witzig. Erstens: Es gibt Studien, die Chlorophyll eine Schutzwirkung gegen Krebs bescheinigen, aber wie immer ist es eine Frage der Dosis. Allzuviel Chlorophyll und die antioxidierende Schutzwirkung verkehrt sich ins genaue Gegenteil. Zweitens: Vitamine und Mineralstoffe. Die sind drin, kein Zweifel, aber bei abwechslungsreicher Ernährung droht uns ohnehin kein Mangel. Und auch hier gilt: Zu viele Vitamine schützen nicht vor Krebs, sondern sie befördern ihn. Warum das so ist, erkläre ich noch. Die größten Bedenken aber hatte ich drittens wegen der Pestizide im Grünzeug. Die verleibt man sich mit grünen Smoothies gleich grammweise ein.

„Pestizide? Du spinnst! Ich verwende nur Bio und Blätter aus dem eigenen Garten, garantiert ungespritzt, also komplett pestizidfrei.“ Sagt auch Greenpeace („pestizidfrei essen ist möglich“), stimmt aber trotzdem ganz und gar nicht. Ungespritzt aus dem Biogarten heißt nämlich nicht „frei von Gift und Pestiziden“, und diese Giftstoffe kommen nicht da rein, weil irgendwo ein paar Straßen weiter jemand Pflanzenschutzmittel versprüht. Die Pflanzen bilden die Pestizide selbst. Wir nehmen bei normaler, abwechslungsreicher Ernährung mit viel Obst und Gemüse – egal ob Bio oder konventionell – täglich etwa 1,5 g Pestizide zu uns. Nein, das ist kein Druckfehler, es sind tatsächlich anderthalb Gramm. 1,5 g entspricht dem Gewicht von 50-60 Reiskörnern (wieviel Pestizide wir täglich zu uns nehmen, die aus der Landwirtschaft stammen, erkläre ich im nächsten Beitrag).

Pflanzen, die Pestizide bilden? Ganz genau. Die „sekundären Pflanzenstoffe“, von denen man angeblich nicht genug haben kann, sind Pestizide. Bäume, Sträucher und Kräuter haben nämlich in ihrem anscheinend so stillen, friedvollen Leben einen ganzen Haufen Probleme. Zum Beispiel können sie nicht weglaufen. Sie können sich nicht einmal kratzen. Dabei konkurrieren sie aber heftig mit ihren Nachbarn um Licht, Wasser und Nahrung und sind ständig Fressattacken von Bakterien, Pilzen und Insekten, aber auch wesentlich größeren Tieren ausgesetzt.

Pflanzen haben sich deswegen komplett auf chemische Kriegsführung verlegt. Während wir auf der Bank sitzen, betörenden Blumen- und würzigen Kräuterduft einatmen und uns an dem beruhigenden Grün erfreuen, sind wir in Wirklichkeit Zeugen eines stummen Gemetzels. Die Blumen, Kräuter, Sträucher und Bäume in unserem Garten sind beständig dabei, Giftstoffe herzustellen. Sie bilden Substanzen, die ihren Nachbarn das Leben vergällen und deren Wurzeln abtöten, sie produzieren Antibiotika gegen Pilze und Bakterien, Botenstoffe, um ihresgleichen zu warnen und jede Menge weiterer Chemikalien: Bitterstoffe, um Fressfeinde abzuschrecken, hormonähnliche Substanzen, die die Fortpflanzung ihrer Feinde durcheinander bringen, scharfkantige Kristalle, die Raupen verletzen und Giftstoffe, die Weidevieh töten.

Diese Chemikalien nennt man landläufig Pestizide, das bedeutet: Gifte gegen „pests“, d.h. Schädlinge. Aus Sicht der Pflanzen gehören wir Menschen dazu. So ist es denn auch kein Wunder, dass zahlreiche Inhaltsstoffe von Pflanzen auch für uns Menschen schädlich sind: zu viel Tofu, und die hormonell wirksamen Bestandteile der Sojabohne bringen unsere Fortpflanzung durcheinander; ihr hoher Calciumgehalt führt zu Nierensteinen. Das Grün der Kartoffel oder der Tomate kann uns umbringen, rohe grüne Bohnen ebenfalls. Vor wenigen Wochen starb in Süddeutschland ein Mann qualvoll an den Bitterstoffen von selbstgezogenen Zucchinis. Die „reinigten“ seinen Körper so gründlich wie „Abflussfrei“ – am Ende war keine Schleimhaut mehr übrig. Hineingeraten waren sie auf ganz natürlich Weise: Zucchinis, die man aus Samen vom Samenhändler zieht, sind garantiert frei von Bitterstoffen, aber wenn man sie selbst vermehrt, werden diese Pestizide rasch eingekreuzt und die Zucchini werden wieder, was sie von Natur aus sind: Giftpflanzen, die mit Bitterstoffen dafür sorgen, dass sie nicht gefressen werden.

Und was ist mit Smoothies?

Populäre Inhaltsstoffe sind Spinat, Grünkohl, Mangold und Rucola. Manche Rezepte empfehlen auch Aloe vera, Lindenblätter und alle möglichen Wildkräuter, von Sauerampfer, Vogelmiere und Löwenzahn bis Sushni, Gotu Kola oder Mukunu-Wenna.

Die ersten drei sind für ihren hohen Gehalt an Oxalsäure bekannt, das sich aber auch in Petersilie, Roter Beete, Sauerampfer und Rhabarber befindet. Beim Spinat enthalten die ganz jungen und die sehr alten Blätter die meiste Oxalsäure. Pflanzen bilden sie, um überschüssiges Calcium loszuwerden. Das tut Oxalsäure auch im Körper. Als Calciumräuber entzieht sie dem Stoffwechsel das für den Knochen- und Zahnaufbau wichtige Calcium und bildet unlösliches Calciumoxalat. Wird Oxalsäure täglich in größeren Mengen genossen, lagert sich das Oxalat in Form von Gries oder Steinen in den Nieren ab.

Nicht umsonst werden Kohl, Spinat und Mangold in Omas Kochbuch immer nur gekocht – Erhitzen reduziert den Oxalsäuregehalt deutlich.

Oxalsäure ist aber noch nicht alles. Apfelblätter, die meine Freundin ebenfalls in den Mixer wirft, enthalten Alkaloide mit den exotischen Namen Phloridzin, Sieboldin and Trilobatin, die als potente Antibiotika wirken. Es stimmt, dass Antibiotika die Gesundheit erhalten (bei Infektionen z. B.), aber niemand sollte Arzneimittel einfach mal so zum Frühstück essen und schon gar keine niedrig dosierten Antibiotika. Erster Leidtragender wäre die Darmflora, erster Gewinner die Krankheitserreger, die jede Chance nutzen, neue Antibiotikaresistenzen zu erwerben. Dass die grünen Blätter von Möhren ebenfalls Alkaloide enthalten, ist unumstritten – widersprüchliche Angaben gibt es hingegen zu deren Wirkung. Während zahlreiche Rezepte Pesto aus Möhrengrün empfehlen, warnen andere davor und empfehlen, zumindest dann auf Möhrenkraut zu verzichten, wenn es bitter schmeckt. Löwenzahn ist schwach giftig, die Milch etwas stärker. Sie kann überdies allergische Reaktionen hervorrufen.

Als Faustregel gilt: Bitterstoffe sind pflanzliche Pestizide und weisen immer darauf hin, dass ein Nahrungsmittel potenziell schädlich ist. Wie immer ist alles eine Frage der Dosis.

Nahrungsmittel, die den Körper reinigen oder entschlacken, sind übrigens barer Unsinn, weil im Körper keine Schlacken und Abfälle herumliegen, weder im Blut noch in den Geweben, Zellen oder im Darm. Unser Körper besitzt sehr effiziente Mechanismen, Abfallstoffe zu beseitigen und ihre Reste auszuscheiden. Ausnahme sind Plaques in den Blutgefäßen sowie Nieren- und Gallensteine. Die werden aber auch durch keinen grünen Smoothie aufgelöst.

Kommen wir noch zu den Antioxidantien (das Chlorophyll und viele Vitamine zählen dazu): Sie gelten als „Krebsvorsorge zum Essen“, weil sie aggressive Radikale abfangen. Das klingt einleuchtend, aber zahlreiche Studien ergaben das Gegenteil. Der Grund: Unser Körper braucht freie Radikale! Er steuert damit Stoffwechselprozesse in der Zelle und das Zellwachstum und setzt sie zur Immunabwehr ein, um Krebszellen zu eliminieren. Wer diese natürlichen Prozesse durch ein Übermaß an Antioxidantien blockiert, schadet seiner Leistungsfähigkeit und seinem Immunsystem!

Fazit: Gegen gelegentliche Smoothies mit grünen Pflanzenteilen ist nichts einzuwenden, aber wer täglich Blätter zu sich nimmt, die nicht extra für den menschlichen Rohverzehr gezüchtet sind, bekommt möglicherweise Nierensteine und erlebt – je nach Dosis, Blatt und Stängel – Einbußen bei Leistungsfähigkeit und Immunabwehr und handelt sich Magen- und Darmbeschwerden oder Leberprobleme ein.

Unbedenklich alles Obst und Gemüse, das für den menschlichen Rohverzehr gezüchtet ist
Gelegentlich Oxalsäurehaltige Pflanzen wie Spinat, Kohl, Mangold, Sauerampfer
Finger weg! Blätter von Bäumen und Sträuchern – deren Inhaltsstoffe sind oft nicht gut bekannt oder untersucht
Auf keinen Fall! Kartoffel-, Tomaten- oder Auberginengrün, Rhabarberblätter, grüne Bohnen, Jakobskreuzkraut (Achtung, Verwechslungsgefahr mit Rucola!), andere Garten-Giftpflanzen wie Schierling, Fingerhut, Efeu, Eisenhut, Rittersporn, Hahnenfuß oder Farnkraut (Liste unvollständig!)

Grüne Smoothies – was darf rein?