Berichterstattung über Wissenschaft hat in Deutschland bei Lesern, Hörer und Zuschauern traditionell einen hohen Stellenwert; die entsprechenden Seiten und Sendungen rangieren in Umfragen oft auf den vorderen Plätzen der Beliebtheitsskala, noch von Feuilleton und Sport. Dennoch schwindet die Zahl der Sendungen und Wissenschaftsseiten seit einigen Jahren mit großer Geschwindigkeit. Immer mehr Wissenschaftsressorts werden verkleinert oder aufgelöst und Wissenschaftsjournalisten entlassen. Die Entwicklung hat Folgen, die weit über die persönlichen Konsequenzen für die Betroffenen hinausgehen. Zu beobachten ist ein Trend, der immer mehr zu einer Gesellschaft führt, in der Wissenschaft nichts mehr gilt.

Wissenschaftsjournalismus wird in den Chefetagen der Medien zunehmend als unwichtig erachtet. WDR-Intendant Tom Buhro zählte die Wissenschaftssendungen seines Hauses im Juli 2015 in seltener Offenheit zu den entbehrlichen „Nischenprodukten“. „ARD aktuell“ beschäftigt keinen Wissenschaftsredakteur, im 27köpfigen Redaktionsteam von „ZDF heute“ sind ebenfalls keine vertreten, auch nicht unter den sechs Moderatorinnen und Moderatoren. Schaut man sich den beruflichen Hintergrund an, so gibt es in beiden Teams nicht einen studierten Naturwissenschaftler.

Die Verantwortlichen der meisten Printmedien, renommierte deutsche Wochen- und Sonntagszeitungen eingeschlossen, messen der Wissenschaft ebenso wenig Bedeutung bei – jeder Wissenschaftsjournalist kann beredte Geschichten darüber erzählen.

Werbekunden würden die Wissenschaftsseiten nicht buchen, heisst es, die Inhalte seien kompliziert, vor allem aber seien die Schlussfolgerungen der Wissenschaft oft nicht „Mainstream“. Die Geschichten erfüllten nicht die Erwartungen und politischen Vorstellungen der Leserschaft, kritisieren die Chefredakteure. Sie bevorzugen emotionale statt sachlicher Themen und sind überzeugt, dass Leser und Hörer vor Atomkraft, „Chemie“ in der Nahrung, unmenschlicher Medizin, Massentierhaltung und Frankensteinforschern gewarnt werden wollen und ansonsten herzerwärmende Geschichten ersehnen, etwa über die Frau, die ihren Krebs durch Lachen besiegt hat oder den Sternekoch, der Autismus mit Steinzeitdiät heilt.

Das Verschwinden des Wissenschaftsjournalismus

Dass Wissenschaftsjournalisten für derlei Unsinn nicht zu haben sind, wird ihnen ebenso übel genommen wie ihre Honorarvorstellungen. Da nimmt man lieber preiswertere Praktikanten, meist Quereinsteiger aus geisteswissenschaftlichen Fächern, die gerne bekennen, dass sie „Chemie und so“ auf der Schule bei der ersten sich bietenden Gelegenheit abgewählt haben. Ihnen fehlen daher nicht nur elementare Grundkenntnisse, sondern vor allem ein hart erarbeitetes Netzwerk von Spezialisten, die erstens echte Kenner, zweitens vertrauenswürdig und drittens im Notfall auch Sonntagabends für ein klärendes Telefonat erreichbar sind, weil sie den Journalisten schätzen und ernst nehmen.

Ersetzt werden diese Defizite durch um so größeres Engagement gegen „Umweltzerstörung“, „Raubbau“, „Vergiftung“ und die „Wachstumsdroge“. Auf diesem Gebiet sind die geisteswissenschaftlich geschulten Praktikanten unschlagbar. Statt zu recherchieren und sich in Details zu vertiefen, die sie nicht verstehen, sind sie schnell mit Wertungen bei der Hand. „Einordnen“ heisst das im Redaktionsdeutsch, „Stories“ muss man „emotionalisieren“ und „personalisieren“, um „den Leser mitnehmen“ zu können. Bewerkstelligt wird das vor allem mithilfe von bewegenden Einzelfällen, schockierenden Bildern und „Experten“ aus dem eigenen Netzwerk, wiederum zumeist Geisteswissenschaftler, die sich seit Jahren mit Pestiziden, Gentechnik, Landwirtschaft und Chemie „beschäftigen“, ohne jemals eine Pipette oder eine Milchkuh angefasst zu haben: in der Meinung stark, im Verzicht auf Fakten reich und im Kampf gegen das Böse unermüdlich. Mit Wissenschaftlern, Landwirten oder Anwendern zu reden, wird zumeist gar nicht erst versucht, man weiß ja, was dabei herauskommt. Dafür übernimmt man gern die Pressemitteilungen der Organisationen, mit denen man sympathisiert und an deren Inhalt man daher keine kritischen Maßstäbe anlegt. Kurze Drähte der NGOs in die Redaktionen sind die Regel; erwähnt sei nur ein Aufsichtsratsmitglied von Foodwatch, das zugleich Mitglied der „ARD aktuell“-Redaktion ist.

Die Ergebnisse sind tagtäglich auf allen Kanälen zu lesen und zu hören.

Da werden angebliche Studien – Krebs durch Gentechnik-Mais, Glyphosat in der Muttermilch – referiert, die angesichts katastrophaler methodischer Mängel das Papier nicht wert sind, auf dem sie gedruckt sind. Jeder wissenschaftlich einigermaßen gebildete Mensch erkennt solche Machwerke sofort daran, dass die Methodik nicht validiert war, die Fallzahlen zu gering waren und die Daten nicht in einer Zeitschrift mit peer review veröffentlicht wurden. Wissenschaftsjournalisten wissen auch, dass außergewöhnliche Behauptungen, die allen bislang für gesichert gehaltenen Erkenntnissen widersprechen, außergewöhnlich gute Beweise benötigen. Wenn aber dieser Sachverstand fehlt, werden Aufsehen erregende Behauptungen unkritisch übernommen.

Mangelnde Urteilsfähigkeit offenbart sich bei vielen Themen, beispielsweise in Sachen Impfung: Sobald steile Thesen, etwa die von Impfgegnern, dank geschickter Suchmaschinenoptimierung weit oben auf der Ergebnisliste einer Google-Recherche erscheinen, werden sie als ernst zu nehmender Beitrag zu einer „Kontroverse“ wahrgenommen, und es wird ihnen entsprechend Platz eingeräumt. In den Berichten kommen dann mit gleicher Gewichtung ein Forscher zu Wort, der seit Jahrzehnten über Impfstoffe forscht sowie ein Laie, der in seiner Freizeit mit unsinnigen und haltlosen Behauptungen über Impfungen durch die Provinz tingelt, aber nie ein Labor betreten hat.

Auch bei Reizthemen wie neue Medikamente, Pestizide oder grüne Gentechnik vereinigen sich naturwissenschaftliche Nichtbildung und geisteswissenschaftlicher Hintergrund („kritisches Denken“) auf das Schönste in laienhaften Artikeln. Ganz vorn dabei ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk:

„Das Pflanzenschutzmittel Glyphosat steht im Verdacht stark krebserregend zu sein und darf seit Jahren nur Kontrolliert in den Handel. Im Internet interessiert das offenbar aber keinen, hier kommt jeder ran der will“, schreibt etwa das Verbrauchermagazin Plusminus in seiner Facebook-Ankündigung eines Fernsehbeitrags über Glyphosat (Rechtschreibung und Zeichensetzung sind augenscheinlich auch eine überflüssige Tugend). Dass Glyphosat „stark krebserregend“ sein könnte, behaupten nicht einmal die ärgsten Gegner – die Aussage von Plusminus ist frei erfunden; Belege gibt es auch auf Nachfrage nicht, stattdessen wird nach Protesten durch Facebook-Leser das Wort „stark“ still und leise entfernt.

PlusminusPlusminus

Unbedarfte Leser stellen zum zweiten Teil der Aussage, …“darf seit Jahren nur Kontrolliert [sic!] in den Handel“ sofort einen Zusammenhang her, der aber keiner ist, denn KEIN Pflanzenschutzmittel darf unkontrolliert in den Handel.

Aber wie Medikamente, Pestizide oder Saatgut zugelassen werden, wer warum welche Studien bezahlt und wieso es welche Vorschriften dazu gibt – wen interessiert das schon? Stattdessen gibt es am Ende einen Hinweis auf Profite, Patente und mögliche Interessenskonflikte der beteiligten Forscher und Behörden und schon ist der Eindruck erweckt, den Behauptungen der Wissenschaft sei nicht zu trauen. Dass die dabei zitierten und als unabhängig vorgestellten „Gegen-Experten“ eine explizite Agenda verfolgen und zum Teil nahezu ausschließlich von einer anderen Industrie bezahlt werden, wird dabei vollkommen ausgeblendet, denn sie sind ja engagiert gegen das vorgeblich Böse dieser Welt.

Die Defizite betreffen nicht nur die besonders umstrittenen Themengebiete, sondern finden sich mittlerweile in Alltagsgeschichten. Es erscheinen Beiträge, die von keiner Kenntnis getrübt sind. Da sind dann Satelliten im Erdorbit, die tatsächlich Millionen Kilometer entfernte Lagrangepunkte umkreisen, Archäologie wird mit Paläontologie verwechselt, aus klinischen Studien werden Menschenversuche und Gefahr wird mit Risiko gleichgesetzt. Einmal geschrieben, verbreitet sich der Unsinn wie ein Virus über die „crossmedialen Plattformen“ in alle Medienkanäle des jeweiligen Konzerns und wird womöglich noch als exklusive Meldung an die wenigen verbliebenen Nachrichtenagenturen gegeben, die die Märchen weitertragen. Und wenn so viele Medien etwas behaupten, muss es doch stimmen, oder?

Jüngstes Beispiel ist die Explosion in Tianjin. Die Ente vom Natriumzyanid, das bei Kontakt mit Wasser explodiert, schaffte es bis in die ZDF-„Heute“-Sendung. Jeder Chemiestudent hätte den Redakteuren erklären können, dass die Kombination aus Löschwasser und Natriumzyanid ebenso wenig zu Explosionen führen kann wie das Salzen von Kochwasser. Noch schlimmer die „Welt“: Dort wurde behauptet, die Giftigkeit von Zyaniden beruhe darauf, dass Zyanid das Hämoglobin besetze und dadurch den Sauerstoff verdränge. Tatsächlich hemmt es aber die Atmungskette in den Zellen. Das Ergebnis – Tod durch Ersticken –  ist dasselbe, aber tatsächlich ist das Blut von Zyanidvergiftungsopfern gesättigt mit Sauerstoff, weil die Zellen nichts mehr abnehmen und der Betroffene dennoch nach Luft ringt. Interner Sachverstand, muss konstatiert werden, ist schlicht nicht mehr vorhanden.

Sachverstand, nein danke!

Aber kommt es auf solche Details wirklich an? Muss man die Dinge tatsächlich genau erklären? Die Antwort ist einfach: Man muss es nicht mehr wissen, weil es nicht mehr als wichtig gilt. Details sind unerheblich. Es reicht, eine Ahnung zu haben, dass Satelliten irgendwo da oben schweben – ob Millionen oder Milliarden Kilometer entfernt, ist völlig nebensächlich. Man weiß auch „irgendwie“, dass Chemie gefährlich ist, haben DDT, Dioxin und Contergan das nicht hinlänglich bewiesen? Der vorherrschende Natürlichkeitsbegriff – Ist etwas durch menschliches Handeln verursacht oder nicht? – erleichtert die Beurteilung und reicht aus, Impfungen, Chemikalien, Gen- und Nanotechnologie unter Generalverdacht zu stellen, auch ohne Einzelheiten zu kennen. Fakten sind heute nichts wert; stattdessen zählen Gefühle.

Mit der Wurschtigkeit gegenüber den Fakten fängt aber die Verachtung der Wissenschaft an. Fakten sind mühsam zu recherchieren, sie sind mitunter kompliziert, und sie widersprechen häufig Glaubenssätzen und politischen Zielen, so dass diejenigen, die auf ihnen beharren, den Betrieb stören. Statt einer Auseinandersetzung mit Argumenten fokussiert man sich daher lieber auf die Person. Hat sie schon einmal für die Industrie gearbeitet, gesprochen oder von ihr Geld genommen? Am Ende steht dann die Überzeugung, dass Wissenschaft nur eine Ideologie unter vielen ist, möglicherweise gekauft, aber auf jeden Fall verblendet, ohne den Blick auf das „Ganze“. Dann ist es doch besser, seiner Intuition zu trauen, die einem sagt, dass Forschung und moderne Technik unnatürlich, gefährlich und moralisch verwerflich sind. Und ist es nicht viel wichtiger, Angst und Unbehagen ernst zu nehmen, statt auf Fakten und Aufklärung zu beharren? Der Schritt zum Feindbild ist dann nicht mehr weit, vor allem, wenn Wissenschaft zu Aussagen kommt, die der herrschenden politischen Agenda in die Quere kommen. Wer Glyphosat, GMOs, Atomtechnologie, Fracking und Chemie nicht dämonisiert, muss mit der geballten Kraft der Lobbyisten rechnen, die alles daransetzen, Andersdenkende rücksichtslos zu demontieren. Die Ergebnisse lassen sich zuerst in den sozialen Medien, dem Pranger des 21. Jahrhunderts besichtigen: persönliche Verunglimpfungen, Verleumdungen, Morddrohungen.

Ist die Stimmung aufgeheizt, tritt die Empörungsindustrie auf den Plan. Organisationen wie Avaaz, Change, Campact oder OpenPetition („mit einem Klick die Welt verändern“) haben das Modell perfektioniert. Sie beschäftigen gut bezahlte Journalisten, die tagein, tagaus das Internet auf „kampagnenfähige Themen“ durchkämmen und daraus eine „zugespitzte Geschichte“, verbunden mit einer griffigen politischen Forderung stricken. Die internen Vorgaben für die Skandalisierung eines Themas sind ausgefeilt: Die Schilderung muss kurz sein, die Sätze ebenfalls, Fakten sind auf das Nötigste zu beschränken, die Stories müssen emotionalisieren. Ob das klappt, wird an einigen Tausend Abonnenten getestet. Ist das Echo schlecht, wird ggf. weiter „zugespitzt“ oder das Thema fallen gelassen; ist es gut, geht die Petition online und ermöglicht Menschen, die vom Thema keine Ahnung haben, aber durch die mediale Stimmungsmache hinreichend aufgebracht sind, vom Sofa aus ein Häkchen hinter eine Forderung zu machen. So kommen binnen weniger Tage mehrere zehntausend oder noch mehr Unterschriften unter Petitionen zustande, die sodann – meist unter großer Beachtung der Medien – an die zuständigen Politiker übermittelt werden. Die folgen dann in der Regel den Forderungen, so weit es irgend geht, schließlich sind es ja Wähler, die sich hier äußern.

Feindbild Wissenschaft

Trotz mancher Siege ist die Verunsicherung durch wissenschaftliche Erkenntnisse nicht verschwunden. Die Konfrontation der eigenen Überzeugung mit kontrastierenden Fakten führt zu schweren Kränkungen. Wissenschaft erscheint als sinistrer Ort, der immer wieder Menschen hervorbringt, die auf unfassbare Weise zu dem Schluss kommen, dass die tabuisierten Technologien doch nicht so gefährlich und unbeherrschbar sind, wie behauptet oder – schlimmer noch – Vorteile bieten. So gibt es zum Beispiel öffentliche Einrichtungen wie die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA oder das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), die die Dinge oft anders beurteilen, als der Zeitgeist es wünscht. Ihre Expertise wird gern genommen, wenn sie ins politische Kalkül passt. Sobald die Ergebnisse anders ausfallen, werden sie bestenfalls ignoriert oder es wird den Institutionen unterstellt, sie seien der Industrie hörig und ließen sich bereits durch „Leserbriefe von Monsanto“ dazu bewegen, ihre wissenschaftlichen Prinzipien über den Haufen zu werfen. Was liegt da näher, als diesen Sumpf systematisch auszutrocknen?

Auch hier machen wir Fortschritte. Noch 2011 wurde HannoverGEN – vier Labore, in denen Schüler unter professioneller Anleitung selbstständig biotechnologische Experimente durchführen konnten – als „ausgewählter Ort“ im bundesweiten Wettbewerb „Land der Ideen“ ausgezeichnet. Doch im Wahlkampf für die niedersächsische Landtagswahl 2013 erklärten Grüne und SPD im Verein mit Greenpeace und der Biolandbaulobbygruppe „Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft“ (AbL) das Projekt zur finsteren Verschwörung, mit der durchtriebene Wissenschaftler und Lobbyisten ahnungslose Schüler „unterschwellig“ zu Gentechnik-Befürwortern machen. Es sei nichts als ein „Gentechnik-Werbe-Projekt“, wo „unter dem Deckmantel der Aufklärung“ „Genpropaganda“ und „Akzeptanzbeschaffung für Agro-Gentechnik“ betrieben werde. „Das ist ein Skandal“, skandierte Greenpeace auf allen medialen Kanälen. Und die AbL erkor die Forderung,  HannoverGEN zu beenden, sogar zu einem ihrer Wahlprüfsteine. Alle grünen und die meisten SPD-Landtagskandidaten gaben die erwarteten Antworten und gelobten: „Ja, ich will mich dafür einsetzen, dass sich Niedersachsen zum agrogentechnikfreien Bundesland erklärt – auf dem Acker, in öffentlichen Einrichtungen und in den Schulen.“

Nach vehementen Protesten aus der Wissenschaft, aber auch von Biologielehrern und Schülern, wird jetzt eine amtlich entschärfte Version mit dem Namen „LifeScience Lab Hannover“ wieder aufgelegt, mit der Vorgabe, dass gentechnisch veränderte Pflanzen auf keinen Fall in den Lehrmaterialien erwähnt werden dürfen. Vergleiche mit amerikanischen Schulen, an denen Charles Darwin und die Evolutionslehre nicht behandelt werden dürfen, weisen die Urheber der „genfrei“-Doktrin indessen empört zurück.

Die Politik hat diesen Trend auch auf Bundes- und EU-Ebene längst verstanden.

Bundesagrarminister Schmidt ist entschlossen, den Anbau von Pflanzensorten, die nicht auf Zufallszüchtung beruhen, sondern mittels Gentechnik gezielt verändert wurden, in Deutschland nicht mehr zuzulassen. Er sieht, im Gegensatz zu allen zuständigen Fachbehörden und -Wissenschaftlern, nicht näher erläuterte Risiken. Weil er es sich mit der Wissenschaft nicht gänzlich verderben will, fordert er zunächst den freiwilligen Verzicht der Saatgutfirmen. Klar ist aber, dass es ihm nicht um spezifische Sorten, sondern um die Technik als solche geht.

Die neue schottische Regierung hat sich bereits weiter vorgewagt. Sie kündigte Anfang August ein Verbot des Anbaus von allen Pflanzensorten an, bei deren Züchtung Gentechnik im Spiel war, und zwar „unabhängig von gegenwärtiger oder zukünftiger Evidenz über die Vorteile bestimmter Anwendungen“ bzw. Pflanzen. Fakten zählen in dieser Frage also gar nicht mehr und auch zukünftigen Erkenntnissen will die Regierung sich a priori verschließen.

Konsequent wäre es, die Fachabteilungen von EFSA und BfR zu schließen, in der EU gar keine Zulassungsanträge für gentechnisch veränderte Pflanzen mehr entgegen zu nehmen und auch die Forschung auf diesem Gebiet gänzlich einzustellen. Was nutzen Erkenntnisse, wenn deren Früchte von vornherein abgelehnt werden? Warum soll der Steuerzahler weiterhin Geld für etwas ausgeben, das er nie nutzen kann und darf?

Um allen Missverständnissen vorzubeugen: Es ist nicht verwerflich, skeptisch gegenüber neuen, unbekannten Technologien zu sein. Aber wenn die Sprache von Gut und Böse in der Politik überzeugender erscheint als Argumente, die auf säkularem Denken beruhen, steuern wir in hohem Tempo auf eine Gesellschaft zu, in der Wissenschaft keine Bedeutung mehr hat und in der sie eine Nischenexistenz führen wird, gerade so, wie es der Wissenschaftsjournalismus gerade erlebt.