Der französische Molekularbiologe und Industrie-Lobbyist Gilles-Eric Séralini wird im Oktober 2015 den so genannten Whistleblower-Preis 2015 der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW) und der deutschen Sektion der internationalen Juristenorganisation IALANA erhalten, der ihm am 17.9.2015 von einer gemeinsamen Jury der beiden Vereine verliehen wurde.

Mit dem Preis, heisst es, „sollen Persönlichkeiten geehrt werden, die in ihrem Arbeitsumfeld oder Wirkungskreis schwerwiegende, mit erheblichen Gefahren für Mensch und Gesellschaft, Umwelt oder Frieden verbundene Missstände aufgedeckt haben (‚Whistleblower‘).“ Worin die erheblichen Gefahren für Séralini bestanden, wird aus der Laudatio nicht ersichtlich, es sei denn, die Jury sieht bereits die im Wissenschaftsbetrieb normale Kritik an schlechten Studien als erhebliche Gefahr an. Dafür sprechen die von der Jury in der Laudatio verwendeten Vokabeln wie „Kampagne“, „vehement angegriffen“ und „Attacken“.

Séralini, ein Aktivist gegen gentechnische Methoden in der Pflanzenzucht, der seine Studien von der Öko-Industrie finanzieren lässt und für das Pharmaunternehmen Sevene Pharma homöopathische Mittel gegen „Vergiftung“ durch „gentechnisch veränderte Nahrung“ propagiert, machte wiederholt Schlagzeilen mit Studien, die in der wissenschaftlichen Welt wegen schwerer methodischer Mängel heftig kritisiert wurden. 2012 veröffentlichte er in der Zeitschrift Food and Chemical Toxicology eine Studie über die angeblich krebserzeugende Wirkung von gentechnisch verändertem Mais und Glyphosat. Sie kam zu dem Schluss, Glyphosat und gentechnisch veränderter Mais seien krebserregend. Detailauswertungen der einzelnen Gruppen zeigten jedoch merkwürdige Ergebnisse. So sorgte Glyphosat im Trinkwasser von männlichen Ratten in Séralinis Studie für einen Rückgang der Krebsfälle. 2013 zogen die Herausgeber der Zeitschrift nach anhaltender Kritik an Design, Statistik und Auswertung die Studie zurück. Hintergründe sind hier nachzulesen.

In der Laudatio des VDW heisst es über die Studie:

„Sie konnte damit auch für die kürzlich veröffentlichte Neubewertung von Glyphosat als ‚wahrscheinlich krebserregend‘ durch die „International Agency for Research on Cancer (IARC)“ der Weltgesundheitsorganisation WHO herangezogen werden.“

In dem Bericht der International Agency for Research on Cancer (IARC) steht jedoch über dieselbe Studie (S. 35):

„The [IARC] Working Group concluded that this study conducted on a glyphosate-based formulation was inadequate for evaluation because the number of animals per group was small, the histopathological description of tumours was poor, and incidences of tumours for individual animals were not provided.“

Entweder ist die Jury der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler des Lesens unkundig, oder sie hat sich nicht informiert, oder sie sagt die Unwahrheit. Keine der drei Möglichkeiten sollte für einen Wissenschaftler zutreffen. Was sagen eigentlich Beirat und Mitglieder dazu?

Mit der Preisverleihung beschäftigen sich auch die lesenswerten Beiträge der Molekularbiologin Anna Müllner und des SZ-Wissen-Redakteurs Sebastian Herrmann.