Aufgeklärte Menschen machen sich gern über die Essensvorschriften der großen Religionen lustig: Für die einen ist Rind, für die anderen Schwein tabu, wieder andere zählen das Geflügel zu den Fischen und nicht zum Fleisch, wenn es ums Fasten geht, und dann gibt es auch noch jede Menge Schlacht- und Zubereitungsvorschriften.
Die gleichen ach so aufgeklärten Leute sind meist auch überzeugte Bio-Esser. Das Dumme ist: Sie stehen jetzt vor ähnlich komplizierten Glaubensfragen. Die Frage aller Fragen lautet: Was ist Gentechnik?

Aktueller Auslöser ist die Nachricht, dass im deutschen Biohandel Chicorée aufgetaucht ist, der – nun ja, irgendwie gen-technisch behandelt worden ist. Im Biohandel! Jetzt beginnt der Glaubenskrieg: Nein, nein, nein, dagegen, sagen Bioland, Demeter und Naturland, weniger dogmatische Bioverbände sagen allerdings, doch, das geht, ist ja keine “echte” Gentechnik, jedenfalls keine im landläufigen Sinn, bei dem wegen der angeblich unabsehbaren Gefahren Freilandversuche und Zulassung nötig wären.

Die Chicorée-Anbieter haben eine durch CMS entstandene Sorte genutzt. Dieses Verfahren ist bei Züchtern weit verbreitet und fällt nicht unter die europäische Gentechnikgesetzgebung. CMS steht für zytoplasmatisch-männliche Sterilität. Sie kommt bei etwa 150 Pflanzenarten natürlicherweise vor (warum sie so verbreitet ist, ist ein beliebtes Diskussionsthema unter Evolutionsbiologen) und bedeutet, dass die Pflanzen keine männlichen Keimzellen, Pollen oder Staubbeutel bilden können. Ausgelöst wird sie durch Gene, die außerhalb des Zellkerns im Zytoplasma vorliegen, d. h. in Mitochondrien oder Chloroplasten.

In der Pflanzenzucht werden CMS-Pflanzen gern genutzt: Sie sind nicht in der Lage, sich selbst zu bestäuben. Sie sind auf die Bestäubung durch Fremdpollen angewiesen. Daher kann man sie sehr leicht mit einer anderen Sorte kreuzen und dabei sicher sein, dass alle Nachkommen aus einer Fremdbestäubung hervorgegangen sind.  Das ist ein Riesenvorteil für die Herstellung von so genannten Hybriden, Kreuzungen aus zumeist reinerbigen Inzuchtlinien, die gegenüber den Ausgangslinien überragende Eigenschaften zeigen. Ohne Hybride würde die Nahrungsversorgung weltweit zusammenbrechen, denn sie waren und sind zentral für die landwirtschaftliche Produktivität. China z. B. konnte mit Hilfe der Hybridsorten den Reisertrag des Landes zwischen 1975 und 2000 von 3,5 auf 6,2 Tonnen/Hektar steigern.

CMS kann auf natürliche Weise entstehen, kann aber auch durch bestimmte Verfahren ausgelöst werden. Dazu zählt die so genannte Protoplastenfusion. Dabei werden zwei Zellen, deren Zellwände zuvor durch Enzyme entfernt wurden, miteinander verschmolzen. Auf diese Weise kann man auch die Zellen zweier Arten, die sich normalerweise nicht oder nur schwer miteinander kreuzen lassen, verschmelzen und die CMS übertragen. Die Zelle lässt man zu einer vollständigen Pflanze heranwachsen und hat so Ausgangsmaterial für männlich sterile Linien. So lässt sich die Sterilität auch an Pflanzen vermitteln, die diese Eigenschaft natürlicherweise nur selten zeigen.

Hybrid- und CMS-Pflanzen werden auch im Biolandbau eingesetzt, weil es kaum anderes Saatgut gibt und weil es auch im Biolandbau darum geht, ein Mindestmaß an Produktivität zu erreichen. CMS-Sorten sind daher bei Möhren, Radieschen und Zwiebeln, aber auch in der Zucht von Mais, Reis und Baumwolle seit langem Standard. Seit einigen Jahren gibt es sie auch bei Kohl (Blumenkohl, Brokkoli, Weißkohl, Rotkohl und Wirsing).

Am Chicorée jedoch scheiden sich jetzt die Geister – die CMS stammt aus der Sonnenblume, und die ist mit dem Chicorée eigentlich nicht, irgendwie doch, nicht so ganz, aber vielleicht verwandt. Gene zwischen Sorten zu übertragen, ist ok. Artgrenzen aber soll man nicht überschreiten, sagen die Vertreter der reinen Lehre. Aber was bedeutet das? Blumenkohl sieht völlig anders aus als Rosenkohl oder Wirsing, aber genetisch sind die drei Kohlsorten so eng verwandt, dass sie gern ihre Gene fruchtbar miteinander mischen, ganz ohne menschliches Zutun, so wie Pferde und Esel und Schäferhund und Pinscher.

Damit sind wir mitten drin im schönsten theologischen Streit. Was sind Artgrenzen? Was bedeutet “natürlich kreuzbar”? Was ist Gentechnik? Hybride zu züchten? CMS zu nutzen? Protoplastenfusion zu nutzen, wenn dabei kreuzbare Arten verwandt werden? Oder fängt die Gentechnik da an, wo Zellen nicht kreuzbarer Arten verschmolzen werden? Was ist mit schwer kreuzbaren Arten? Darf man als Bio-Anhänger noch Triticale essen, ein Hybrid, bei dem zwei Arten (Weizen und Roggen) miteinander verschmolzen wurden? Darf man noch Pflanzen veredeln, wenn dabei – wie unlängst gezeigt – Gene nicht nur zwischen Sorten, sondern auch zwischen Arten übertragen werden? Was ist natürlich?

Scholastische Fragen, die inzwischen an den klassischen mittelalterlichen Gelehrtenstreit um das Problem erinnern, wie viele Engel auf einer Nadelspitze Platz haben. Aber das ist erst der Anfang: Die Gentechnik hat inzwischen Methoden entwickelt, bei der der gentechnische Eingriff hinterher nicht mehr nachweisbar ist. Schon in ein paar Jahren können dann auch hoch bezahlte Experten nicht mehr unterscheiden, wie eine neue Sorte entstanden ist.

Der fromme Wunsch, der Biolandbau möchte zu den guten alten “samenfesten” Sorten zurückkehren, ist ungefähr so realistisch wie die Forderung, die evangelische und die katholische Kirche möchten sich wieder vereinigen: die Produktivität würde dramatisch sinken, die Produkte würden mickriger aussehen, dafür aber deutlich teurer werden. Schon am Chicoree zeigte sich der Unterschied: Der Fachdienst Biohandel-Online berichtete, die Erntemenge der extrem ertragreichen CMS-Chicorée-Sorte Topscore sei größer gewesen als die aller deutschen Bio-Chicorée-Anbauer zusammen. In Euro und Cent ausgedrückt waren das vier Euro für das Kilo für die Biosorte Topscore gegenüber sechs bis sieben für den klassischen Bio-Chicorée. Konventionell angebauter Chicorée ist dagegen schon zum Kilopreis von deutlich weniger als zwei (!) Euro zu haben. Kein Wunder, dass Topscore sich wie warme Semmel verkaufte.

Vielleicht hat der Glaubenskrieg ja etwas Gutes: er zeigt den religiösen Charakter des Biokults so überdeutlich, dass einige Anhänger vielleicht beginnen, an der Kirche und ihrem Anspruch auf die eine, wahre Lehre zu zweifeln. Man soll die Hoffnung nie aufgeben.

PS. Ich warte auf die Nachricht, dass Greenpeace in Schutzanzügen im örtlichen Biohandel auftaucht und die “genverseuchten” Chicorées medienwirksam entsorgt.