Kaum ein Erwachsener und schon gar kein Kind isst Apfelschnitze oder -scheiben, die braun geworden sind. Sie sind unansehnlich, gelten als nicht mehr frisch und werden weggeworfen, so wie anderes Obst, das entsorgt wird, weil es schrumpelig, fleckig, braun oder mehlig geworden ist. Die braunen Apfelstücke sind Teil der 1,2 Millionen Tonnen Obst, die nach einer Untersuchung der Universität Stuttgart in deutschen Haushalten pro Jahr in der Abfalltonne verschwinden. Das ist Verschwendung pur, aber kaum zu ändern, am wenigsten durch gut gemeinte Appelle oder die 2012 gestartete Aktion „Zu gut für die Tonne“ des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft.
Davon abgesehen, ist die Ablehnung brauner Apfelstückchen ein bisschen berechtigt, denn die Bräunungsreaktion reduziert den Gehalt an Phenolen, die als besonders gesund gelten. Für abgepackte Obstsalate, ein beliebter Snack gesundheitsbewusster Großstädter, verwendet die Industrie heute Ascorbinsäure, Zitronensäure, Kalziumsalze und/oder Schutzgas, damit die Apfelstückchen auch nach ein paar Stunden noch weiß aussehen. Der Nebeneffekt: Der Obstsalat schmeckt säuerlich und manche Konsumenten sind abgeschreckt, weil diese Naturstoffe als E-Nummern auf der Verpackung erscheinen.
Demnächst gibt es, zumindest in Kanada und den USA, den „Arctic Apple“, ein Apfelsorte, deren Schnittflächen auch ohne Zusätze bei Kontakt mit der Luft nicht mehr braun werden. Die Forscher des kleinen kanadischen Apfelzüchters Okanagan Specialty Fruits haben – zunächst bei den in Nordamerika beliebten Sorten Granny Smith und Golden Delicious – die Gene deaktiviert, die für die Bräunung verantwortlich sind. Das Unternehmen benutzte dafür einen Prozess namens gene silencing (Gen-Stillegung), einen natürlichen Mechanismus, den alle höheren Pflanzen und Tiere in ihren Zellen nutzen, um die Aktivität von Genen zu steuern.


Schnittflächen der neuen Äpfel werden erst nach vielen Stunden braun. Nicht betroffen sind Bräunungsprozesse, die durch Fäulnis oder Schädlinge ausgelöst werden. Sie treten weiterhin ohne Verzögerung auf, so dass es nicht möglich ist, Konsumenten verdorbene Ware unterzuschieben. Abgesehen von der nicht eintretenden Bräunung schmecken und riechen die Arctic Apples nicht anders als ihre bräunenden Geschwister, und auch der Nährwert ist der gleiche.
Eigentlich eine gute Sache: Weniger Verschwendung, weniger Zusatzstoffe, schönere Optik – 58% der von Okanagan Specialty Fruits befragten Konsumenten wollen den neuen Apfel kaufen. Dennoch ist die Aufregung bei zahlreichen Initiativen für Biolandbau und Umweltschutz groß, denn der Apfel wurde nicht auf konventionelle Weise gezüchtet, sondern gezielt erzeugt. Konventionelle Apfelzucht arbeitet mit zufälliger Zerstörung des Erbguts mithilfe von Strahlung oder Chemikalien. Es wird dann unter den Nachkommen so lange gesucht, bis eine Mutation mit der gewünschten Eigenschaft gefunden wird. Solche Äpfel können dann ohne weitere Überprüfung auf den Markt gebracht werden.
Der Arctic Apple hingegen wurde gezielt erzeugt – wenn auch nicht mir klassischer Gentechnik – und etwa 10 Jahre getestet, im Labor wie im Freiland. Er ist damit die am besten untersuchte Apfelsorte der Welt. Fünf Behörden (drei in den USA und zwei in Kanada) waren in die Beurteilung involviert und bescheinigten dem Apfel gesundheitliche und ökologische Unbedenklichkeit.
Zehn Jahre Tests sind für die Anhänger ungezielter Eingriffe ins Erbgut natürlich nicht genug. Die Berufsmahner warnen vor allerlei Gefahren, etwa der „Kontamination“ herkömmlicher Äpfel mit ausgeschalteten Genen, der Auskreuzung der Eigenschaft auf herkömmliche Sorten und natürlich der Vergiftung der Konsumenten (Gene im Essen!), namentlich dem Auftreten von Allergien sowie akuten und chronischen Krankheiten. Wie diese Erkrankungen durch stillgelegte Apfelgene bzw. das Fehlen eines Enzyms im Apfel hervorgerufen werden sollen, wird nicht näher erläutert.
Das zeugt von wenig Kenntnis der Genetik und der Apfelvermehrung. Den Äpfeln wurden weder Gene hinzugefügt noch weggenommen, sondern es wurden nur welche stillgelegt, mit einem Kniff, der der Natur entlehnt ist. Ohnehin unterscheiden sich die meisten Apfelsorten nicht durch Unterschiede in den Genen, sondern durch Variationen der Genexpression, d.h., ein Golden Delicious Apfel hat lediglich andere Gene aktiviert und deaktiviert als ein Braeburn-Apfel.
Äpfel vermehrt man auch nicht durch Nachzucht aus den Kernen, sondern über Pfropfung, eine seit der Antike bekannten Technik, bei der – wie man heute weiß – Gene zwischen Unterlage und Pfropfreis ausgetauscht werden. Theoretisch besteht zwar die Chance, dass Pollen der arktischen Äpfel auf andere Apfelsorten übertragen wird, aber die Reichweite einer solchen Kreuzbefruchtung beträgt, wie Untersuchungen in Apfelplantagen gezeigt haben, weniger als 50 Meter. Konsequenzen hätte diese Kreuzbefruchtung keine. Die DNA der Früchte stammt ausschließlich aus der Mutterpflanze und nicht aus dem Pollen, der die Blüte befruchtet hat. Konventionelle Äpfel, die zufällig durch Arctic Apple Pollen bestäubt würden, würden keine Veränderung ihres genetischen Programms zeigen. Fände sich die Eigenschaft in einigen wenigen Kernen, hätte das keinerlei Folgen, da die Kerne nicht zur Zucht neuer Äpfel verwendet werden.
Last not least: Kein Obstbauer wird gezwungen werden, Arctic Apples anzubauen, und eine Kennzeichnung ist schon aus Marketinggründen selbstverständlich.
Obwohl also alle Forderungen der Anti-Gentechnik-Lobby erfüllt sind – keine „Kontaminationsmöglichkeit“, keine Auskreuzung, weder Fremdgene noch neue Eiweiße im Produkt und klare Kennzeichnung – tut das der Hysterie keinen Abbruch, ganz im Gegenteil. Hintergrund ist die Furcht, die Äpfel könnten die Konsumenten an „Gentechnik im Essen“ gewöhnen. Die Äpfel wären das „Einfallstor“ für die gefürchtete „Akzeptanz“ in der Bevölkerung.
Diese Akzeptanz hat schon einmal die fundamentalistische Opposition überrannt. Als das gentechnisch veränderte Insulin in den 1980er Jahren von den Diabetikern einhellig begrüßt wurde, waren die Bedenken von Grünen und Greenpeace notgedrungen schnell verflogen. Die Argumente waren zuvor die gleichen gewesen, die sich jetzt gegen die neuen Äpfel richten: Es werde zu Freisetzungen gentechnisch veränderter Organismen kommen, die ihre Gene in Boden und Abwasser mit normalen Bakterien austauschen würden, die Umwelt werde mit gentechnischen Pharmaka verseucht werden und am Ende würden Menschen sterben, weil ihre Darmbakterien plötzlich Insulin, Antikörper oder Wachstumshormone produzierten. Und natürlich würde das alles dazu führen, dass Medikamente unbezahlbar würden.
Ab 2016 werden die Äpfel in den USA und Kanada erhältlich sein. Dann entscheidet sich, ob sie ein Erfolg werden. Falls ja, können Konsumenten sich auf weitere Verbesserungen freuen. Das Unternehmen arbeitet mit der gleichen Technik bereits an Birnen, die nicht braun und Pfirsichen, die nicht mehlig werden.