Alle Jahre wieder kann man sich darauf verlassen, dass irgendeine Umweltschutzorganisation zum Weihnachtsfest eine Gefahrenwarnung herausgibt. Diesmal sind es weder Lebkuchen noch Zimtsterne noch Adventskalender, sondern Weihnachtsbäume, in denen “chemische Rückstände” gefunden wurden. Der Urheber der Warnung, der BUND, hat Nadeln von insgesamt 15 Weihnachtsbäumen aus Berlin, Leipzig, München, Nürnberg sowie aus weiteren Regionen in Bayern auf Rückstände von über 150 Pestiziden untersuchen lassen. In jedem zweiten Baum wurden „Rückstände von Unkrautvernichtungsmitteln“ gefunden, darunter in sieben Bäumen entweder Glyphosat oder Prosulfocarb, in einem weiteren Fall beide Herbizide in Kombination.

Mehr Informationen gibt es nicht, vor allem keine Konzentrationsangaben. Spätestens bei dieser Nicht-Information sollten Medien skeptisch werden und nachfragen – tun sie aber nicht. Stattdessen beten Handelsblatt, Merkur, Welt, Deutschlandfunk, Zeit-Online und sogar das „Wissensmagazin Scinexx“ brav und wortwörtlich die Pressemitteilungs-Mär vom „giftverseuchten“ Weihnachtsbaum herunter, inklusive des Zitats des BUND-Pestizid-„Experten“, der das übliche Bullshit-Bingo von Reizworten spielt: Agrargifte, Wasserschadstoffe, Krebs, akut toxisch, Embyronalentwicklung, Langzeitwirkung – wow!

“Diese Agrargifte“, so der Dipl.-Biol. Tomas Brückmann, „sind starke Wasserschadstoffe und können auch beim Menschen gesundheitliche Auswirkungen hervorrufen. Glyphosat steht im Verdacht Krebs zu fördern und die Embryonalentwicklung zu schädigen”, sagte der BUND-Pestizidexperte Tomas Brückmann. “Prosulfocarb ist sehr giftig für das Nervensystem und Glyphosat ist akut toxisch für Wasserorganismen. Die Stoffe können nach Angaben der Hersteller in Gewässern längerfristig schädliche Auswirkungen haben.“

Brückmann scheint im Studium in einigen Vorlesungen gefehlt zu haben, sonst wüsste er, dass Tannenbäume (auch unbehandelte) noch ganz andere Schadstoffe frei setzen.

Darunter befinden sich zum Beispiel Terpene, Das sind äußerst reaktionsfreudige Chemikalien, die sich an der Luft schnell in Methacrolein, Formaldehyd und andere Aldehyde sowie kurzlebige Radikale, Peroxide und Hydroperoxide zersetzen.

Methacrolein, aus dem übrigens Pflanzenschutzmittel gewonnen werden, ist nicht nur leicht entzündlich, sondern auch giftig bei Verschlucken und Hautkontakt und verursacht schwere Verätzungen der Haut sowie schwere Augenschäden. Die Dämpfe wirken stark reizend bis ätzend auf Schleimhäute, Haut und Lunge und können mit Luft ein explosionsfähiges Gemisch bilden. Bei Verschlucken, Hautkontakt oder beim Einatmen ist es akut gesundheitsschädlich. Der LD50-Wert, das ist der Wert, bei dem die Hälfte aller Versuchstiere stirbt, beträgt für die Ratte oral 140 mg/kg Körpergewicht.

Wird Formaldehyd mal ausnahmsweise nicht von Bio-Tannenbäumen, sondern von Möbeln oder Bettwäsche freigesetzt, warnt der BUND vor der „krebserregende Chemikalie“ so: „Formaldehyd soll zu zunehmendem Auftreten von Atopie (der verstärkten Neigung zu Allergien) als auch zu erhöhten Immunglobulin E-Werten (IgE) führen, das zu Überempfindlichkeitsreaktionen beiträgt (Garrett et al., 1999; Wantke et al., 1996). Auch wird Formaldehyd in Konzentrationen, die üblicherweise in Häusern vorkommen, mit Entzündungen der Atemwege von gesunden Kindern in Verbindung gebracht (Franklin et al., 2000).“ Der LD50-Wert beträgt 100mg/kg oral; wird es eingeatmet, reichen 0,6mg/l über vier Stunden und die Hälfte der Tiere ist tot.

Ebenfalls freigesetzt werden von naturbelassenen Tannenbäumen u.a. D-Limonen, alpha-Pinen und Isopren. Limonen muss nach der EU-Schadstoffverordnung wie folgt gekennzeichnet werden: „schädlich für Wasserorganismen, kann in Gewässern längerfristig schädliche Wirkungen haben.“ An der Luft oxidiert es zu Abbauprodukten, die Allergien auslösen können. Der LD50-Wert für Ratten beträgt 4.400mg/kg. Isopren gilt als krebserregend und erbgutschädigend, der LD50-Wert für die Ratte beträgt >2000mg/kg.

Pinen ist „sehr schädlich für Wasserorganismen mit langfristiger Wirkung“ und muss daher als „umweltgefährlich“ gekennzeichnet werden. Der LD50-Wert für Ratten beträgt 3700 mg/kg, für Krustentiere sind es nur 41mg/l. Auch Pinen oxidiert zu Abbauprodukten, die Allergien auslösen.

Alle diese Stoffe sind übrigens in einer Tannennadel in Konzentrationen vorhanden, die es erlauben, sie anzuzünden. Man halte eine Tannennadel neben eine Kerzenflamme und sehe zu, wie diese organischen Chemikalien schlagartig und zischend verbrennen.

So gesehen, muss dringend davon abgeraten werden, sich Weihnachtsbäume in die Wohnung zu holen!

Auch ein Spaziergang in der verharmlosend “Wald” genannten Gifthölle eines Tannen- und Kiefernforsts verbietet sich vor allem im Sommer selbstverständlich.

Aber diese Chemie haben die „Experten“ vom BUND natürlich nicht gemeint. Es geht ihnen bei ihrer Verdummungsstrategie einzig und allein darum, eines der harmlosesten Pestizide zu verunglimpfen, das die Menschen je entwickelt haben: Glyphosat.

Wäre Glyphosat in Konzentrationen vorhanden, die tatsächlich einen Effekt auf die Pflanzen hätten, wären die Bäume vermutlich nicht oder nicht mehr lange grün. Und selbst wenn sich auf den Nadeln Glyphosat nachweisen lässt (die heutige Analytik ist empfindlich genug, um zu zeigen, dass zwei Zuckerkrümel in einem Schwimmbecken mit Olympia-Maßen aufgelöst wurden), müsste man die Nadeln in der Tat essen, um das Glyphosat aufzunehmen. Der LD50-Wert von Glyphosat liegt bei der Ratte (oral) bei >5.000mg/kg Körpergewicht, das sind 1,5g Glyphosat für eine 300g schwere Ratte. Für Prosulfocarb liegt er bei oral 1820 mg/kg. Prosulfocarb wird beim Menschen sehr schnell über Darm und Niere ausgeschieden; es finden keine Anreicherung im Körper statt.

Mit anderen Worten: Der BUND warnt vor den „chemischen Rückständen“ im Weihnachtsbaum, die mit Abstand am wenigsten giftig und dazu noch in den geringsten Mengen vorhanden sind. Das ist doch sicher eine Spende wert, oder?